Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 1.1866

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überwiegend. Man inag die angenieldeten Kunstwerke
zählen und wägen, der Schwerpunkt des Kunstlebens in
Oesterreich fällt auf Wien. Wenn Wien nicht noch in
höherem Grade den Mittelpunkt des gesamniten öster-
reichischen Kunstlebens bildet, so ist dies dem Umstande
zuzuschreiben, daß eine nicht geringe Anzahl von jüngeren
Künstlern es noch immer vorzieht, ihre höhere Kunstaus-'
bildung nicht auf der Wiener Akademie zu suchen, sondern
in München, Paris, Brüssel und DreSden.

Noch zwei andereThatsachen dürften sich aus derPariser
Ausstelluug ergeben: die geringe Entwickelung der Plastik,
die sich in Wien vorzugsweise dekorativen Arbeiten mit
Glück zuwendet, aber nur selten selbständige Werke mit
bedeutendem Erfolge hervorruft, und die geringe Aufmun-
terung, welche die historische Kunst in Oesterreich durch
Bestelluugen vom Adel, von Kirchenfürsten, Kommunen
und Privaten erhält. Die einzige Persönlichkeit, wclchc
in Oesterreich historische Gemälde iu größerem Stile her-
vorruft, ist der Kaiser. Fast alle historischen Gemälde,
die zur Ausstelluug kominen werden, die von E. Engerth,
C. Blaas, Fritz und Sigmund l'Allemand, sind durch
Bestellungen des Kaisers entstanden. Es ist unter den
gegenwärtigen Verhältnissen ganz unmöglich, ein größeres
historisches oder kirchliches Gemälde von besonderer Be-
deutung nach Paris zu schicken, das seine Entstehung dem !
Adel oder der Geistlichkeit verdanken würde. Dieser Um- I
stand wirkt begreiflicherweise lähmend auf die Kunstent-
wickelung ein, besonders in einem Lande, in welchem, wie
in Oesterreich, die beiden genaniiten Stände großen Ein-
fluß, bedeutende Geldmittel, aber leider sehr wenig ent-
wickelte Kunstbedürfnisse haben.

Die kirchliche Kunst und Kunstindustrie in Öesterreich,
welche in den letzten Jahren unter dem Einflnsse von ^
Künstlern wie Schmidt, Lippert, Petschnigg, Klein in I
Wien, Mader in Jnsbruck u. A. eine nicht zu unter-
schätzende Entwickelung genommen hat, wird in einer Ab-
theilung sür kirchliche Knnst selbständig auftreten.

Jn dem unmittelbar vor der Kunstabtheilung befind-
lichen Portikus, welcher von den Frauzosen der „lüstoirs
äu ti'LvniU zugewendet wird, soll eine Art von geschicht-
lichem Museum organisirt werden, in welchem die ältere
Kunstentwickeluiig eines jeden Landes ihren Platz einneh-
men soll. Es handelt sich dabei vorzugsweise um den- !
jenigen Kreis von Kunstgegenständen, welche die Franzosen
„odgets ck'urt" nennen und die zwischen der eigentlichen
Kunst und der Jndustrie in der Mitte stehcn. Wird diese
Abtheilung von den deutschen Staaten verständig benützt,
so würde dadurch Gelegenheit geboten sein, in Paris znr
Ehre der deutschen Nation von denjeuigen Gebieten der
Kunst Besitz zu crgreifcn, welche die Franzosen vorAllem
Deutschland zu bestrciteu nur zu sehr geneigt und befähigt
sind. Daß dies erreicht werden möge, wäre sehr zu wün-
schen; aber die Engherzigkcit der Ansichten, welche in den

meisten Kreisen herrscht, in deren Besitz die hervorragend-
sten Kunstwerke dieser Art sich besinden, läßt einen Zweifel
in dieser Beziehung leider nicht unberechtigt erscheinen.

Schließlich noch die Bemerkung, daß der Transport
sämmtlicher von der österreichischen Kominission zur Ans-
stellung angenommeiier Kunstgegenstände, sowohl die
Hin- als Rücksendung, auf Kosten der österreichischen
Regierung geschehen wird.

Die Hirscher'sche Versteigeruug

zu Ireivurg i. Wr.

Die am 26. Februar in Freiburg im Breisgau ver-
auktionirten Gemälde des geh. Naths, Domdekan
Or. von Hirscher bestanden aus 73 Nummern. — Es
war viel Unbedeutendes darunter, aber auch einzelne
Werke von großer Schönheit. Wir nennen vorzüglich
Nr. 42. Hans Meiiiling(?), 4' hoch, 2'/^' breit, englischcr
Gruß, auf Holz, gut erhalten, fast lebensgroße Figiireu, ein
Werk seltener Schönheit nnd Jnnigkeit. Erlös 626 Fl.

Ä!r. 3>. Der heilige Lanrentins, im Begrifs, znni Tode gc-
führt zn werden, auf Leinwand — 4' 4" hoch, 3' 2"
breit. Kniestiick in Lebensgröße fiinf Fignren. Jtalienisches
Bild aus der späteren Zeit des 16. Jahrhunderts, von ganz
vorziiglicher Schönheit in Komposition, Zeichnung, Farbe
nnd Ausdruck der Köpfe, namentlich des heil. Laurentins,
dabei vollkommen erhalten. Erlös 326 Fl.

Nr. 4. Franz Floris, die heil. Familie, auf Holz21" hoch,
17" breit. Eins der Lesten Werke des Meisters, von bril-
lanter Färbung, feiner Dgirchführung, ganz vorziiglich er-
halten. Erlös 220 Fl.

Nr. 2. Spada, der Kindermord, 4' 1" hoch, S' breit, anf
Leinwand, in markiger plastischer Manier, kräftig nnd
leuchtend in Farben und sehr wirkungsvoll. Erlös 175 Fl.
Nr. 1. Martin de Vos, Grablegung, 3' 8" hoch, 6' 7"
. breit. Man merkt den Schüler des Tintoretto. Landschaft
flott, großartig. Leider zweimal beschädigt. Erlös 155 Fl.
Nr. 19. Wynants, Landschaft mit Stafsage auf Leinwand
20" hoch, 16" breit; gezeichnet. Eins der allerschönsteu
Werke des Meisters, sehr klar und durchsichtig in Färbung
nnd vollkommen erhalten. Erlös 410 Fl.

Nr. 12. Leeo komo mit Pilatus, 2' 9" hoch, 2' 3'^" breit,
Holz, lebensgroße Brustbilder, dem Morales zugeschrie-
ben, etwas trocken und hart in Farbe. Erlös 315 Fl.

Nr. 8. Guercino, Elias bringt den Sohn der Wittwe von
Sarepta wieder zum Leben. Auf Leinwand 3' hoch, 3'9"breit.
Leider Wittwe uud Sohn sehr übermalt. Erlös 182 Fl.
Nr. 26. Holbein der Aeltere, die Marter des heil. Bitus,
auf Holz 22" hoch, 18" breit. Kräftig und tief in Farbe.
Erlös 57 Fl.

Nr. 27. Lucas van Leyden, Maria mit dem Kinde, in
einem Buche blätternd, von Engeln angebetet und gekrönt,
Holz 28'/z" hoch und 18" breit. Schönes Werk in Farbe
und Anordming, leider aber nicht gut erhalten. Erlös
210 Fl.

Nr. 39. Schäufelein, Christus von dcn Frauen beweint.
Ein Bild von ursprünglich großer Feinheit; aber sehr über-
malt. Erlös 186 Fl.

Die Nr. 42, 31, 4, 2, 19, 26 gingcn nach Zürich.
Die Nr. 12 und 8 nach England.
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