Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 1.1866

Page: 100
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1866/0100
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
—. 100

ler nichts bekannt ist, der offenbar zu den bedeutendsten
Meistern, die damals in England wirkten, gehört. Ein
Niederländer muß er sein, das glaubt man voraussetzen
zn dürfen; einer jener Künstler, die sich nach dem großen
Quentin Massys gebildet. Ein lichter Ton von außer-
ordentlicher Zartheit geht durch. Der Fleischton, wenn
das gar zu bleiche Aussehen auch daher kommt, daß dies
Werk durch Putzen gelitten, war doch wohl schon ursprüng-
lich ungemein hell mit einem feinen röthlichen Schimmer.
Jhr Kleid ist von einem sanften Roth und reich mit Edel-
steinen verziert. Der geschmacklose Zuschnitt .der dama-
ligen Tracht trägt dazu bei, die Haltung noch etwas steifer
erscheinen zu lassen, als sie an sich schon ist. Die Hände fallen
wegen ihrer länglich-schmalen Form und großen Magerkeit
auf. Der Ausdruck ist angenehm und verräth zugleich
eineu scharfen, lebhaften Geist. Es ist wohl nicht zufällig,
daß die junge Königstochter ein Buch in der Hand, ein
zweites neben sich auf dem Tische hat.

Desto minder ansprechend sind die späteren Bilder
der großen Königin; immer schärfer, kälter, häßlicher
werden ihre Züge. Geradezu unheimlich ist ein Bildniß,
das sie in ihren letzten Lebensjahren zeigt. Abgemagert
und verfallen ist das Gesicht, dach Bild würde ein Ns-
wsnto wori sein auch ohne die Allegorien im Zeitgeschmack,
die den Tod mit dem Stundenglas neben ihren Stuhl stellt.
Von Maria Stuart sind zahlreiche Bildnisse vorhanden,
aber keines der beglaubigten Porträts, unter denen die
von Gilliard und Zucchero obenan stehen, zeigt, wie
man erwarten sollte, eine schöne Frau. Die Nase ist
groß, der Mund breit, die Augen geschlitzt. Was den
Licbreiz dieser Erscheinung bildete, muß im Augenblick-
licheu, nicht im Bleibenden, mehr im Ausdruck und Be-
nehmen als in der Bildung der Züge gelcgen haben.
Auch ein Bildniß, das ihren ermordeten Liebling, den
Sänger Rizzio, vorstellen soll, ist vorhanden. Er hält
eine Geige, und die Jahrzahl 1565 steht auf dem Herrn
K. St. Mackenzie gehörigen Bilde.

Der Deutsche, der Maria Stuart hauptsächlich ans
Schillers Trauerspiel kennt, wird, wenn er auch durch
ihr Porträt sehr enttäuscht ist, desto mehr ihren Gegner
Burleigh, den Lord Großschatzmeister, itnBilde wieder-
erkennen. Seiue Züge, von Markus Gerard festge-
halten, verrathen unbeugsame, eiserne Festigkeit, aber der
lange weiße Bart verleiht ihm einen ehrwürdigen Cha-
rakter. Das Gemälde gehört dem Marquis of Exeter.
Die verschiedeneu Porträts von Leicester, Naleigh,
Essex indeß sind sämmtlich unbedeutend.

(Fortsetzung folgt.)

Korrespoildenz.

München, Mitte Juni.

8—t. Jm Kunstvercin gewährten achtzehn Skizzen
aus Aeghpten, Shrien und Palästina, welche König Lud-

wig I. aus der Hinterlassenschaft A. Löffler's angekauft
Hatte, ein eigenthümliches Jnteresse. Der ideale, an
Rottmann sich anlehnende Stil hatte den Künstler das
Hauptgewicht auf großartigen Linienzug und einheitliche
Komposition legen lassen und ihn vor dem virtuosen
Naturalismus so mancher Orientalisten bewahrt, bei wel-
chen die rohe Neugierde an fremden Stofsen mehr ihre
Befriedigung findet, als das Wohlgefallen an der ächten
Schönheit durchgebildeter Kunstwerke. Jn die flüchtig,
aber mit energischer Hand hingeworfenen Skizzen hatte
Löffler die Kraft seiner Anschauung unmittelbar ergießen
können, und so machten diese kleinern Arbeiten einen vor-
theilhaftern Eindruck, als die darnach ausgeführten grö-
ßern Landschaften, die stets der lebendigen Frische ent-
behrten, weil die Darstellungsgabe des Meisters mit
seiner Phantasie nicht gleichen Schritt hielt. — Eine
vielbewunderte Landschaft war ferner Köbel's Motiv
aus dem Allgäu. Auf der rechten Seite des Bildes er-
hebt sich eine alte Burgruine, links bemerkt man in einem
Thale ein dunkelblaues Gewässer, das sonnenbeschienene
Berge umgrenzen; darüber °wölbt sich eine heitere klare
Luft. Wärme und Kraft der Farbe, Adel der Komposition,
sorgliche Durchbildung des Einzelnen gingen zu freier
Harmonie zusammen und schufen ein Bild, mit dessen
edler Schönheit sich nur wenige der diesjährigen Kunst-
vereinslandschaften vergleichen lassen. Auch blieben
Köbel's andere Gemälde weit hinter -dieser Perle zurück.

Von der Bauthätigkeit unserer Stadt ist im gegen-
wärtigen Augenblicke wenig zu melden. Es fehlt die
frische Rührigkeit des vorigen Jahres, in welchem allein
die Maximiliansstraße vier neue Häuser erhiclt. Das
gilt allerdings nur vom Privatbau, denn sowohl Neu-
reuther's großartiges Polhtechnikum wird mit aller
Kraft gefördert, so daß die Mauern bereits einige Fuß
über die Erde sich erheben, als auch das Kunstvereinsge-
bäude, an dem die Anstreicher schon ihr Werk begonnen
haben, so daß es rasch seiner Vollendung entgegengeht.
Letzteres macht einen einfachen, aber würdigen Eindruck.
Drei Stockwerke hoch erhebt sich der Mittelbau nber die
beiden Flügel; die untern Etagen haben rundbogige
Fenster, die dritte viereckige.

Sonst haben wir nichts Erfreuliches mitzutheilen.
Die von uns schon erwähnten Münchener Blätter für
Literatur und Kunst, die ohnedies nur einen sehr beschränk-
ten Leserkreis gefunden, hat die Uugunst der Zeit zum
Eingehen genöthigt. Aüch das Projekt des hiesigen Alter-
thumsvereins, eine ständige Zeitschrift zu gründen, ist
zu Wasser geworden; daran sind allerdings mehr die
inneren Verhältnisse der Gesellschaft Schuld, als dic
schlimme politische Lagc. Mau hofft jctzt wcnigstcns
ein Jahrbuch herausgeben zu können, freilich erst im
folgendcn Jahre. Bis auf bcssere Zcitcn wurde auch
die Ausstellung von kulturhistorischen Gegenständen,
loading ...