Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 1.1866

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den kostbarsten Gewanden, mit Goldstickerei und blitzen-
den Jnwelen geziert, er täuscht nns dennoch über sein
wahres Wesen keinen Augenblick, um so weniger, je ge-
spreizter und vermcssener er vor uns steht. 'Holbein hat
ihn dnrchschant, ganz und gar, und in diesem Bilde steht
der blutige Despot' klarer vor der Nachwelt als Alle's,
was die Geschichte mcldet, ihn zu schildern vermag.

Dagegcu Karl I. in den Bildern van Dycks! Wir
können diese vornehme Erscheinung mit dem eigenthüm-
tichen Zng von Schwermuth in dcn Zügen nicht ansehen,
ohne ein eigenthümliches Znteresse für sie zu sühlen. Jn
seinem Antlitz glauben wir sein kommendes Schicksal zn
lesen, und niögen nns geschichtliche Kenntniß und Ueber-
zcngung dies noch so sehr als cin vcrdientes anschen
lassen, vor diesen Gemäldcn denken wir an keine Schnld,
wir denken nnr an das Unglück des Monarchen und nn
willkürlich sympathisiren mir mit ihm. — Bon seinen hier
ansgestellten Bildnisscn steht in künstlerischer Hinsicht
namentlich cine sonst in Bnckingham Palace, dem
Schloß der Königin, bewahrte Skizze hoch: der König in
ganzer Figur zu Pferde, den Kommandostab haltcnd; sein
Stallmeister, Herzog von Epernon, den Helm des Für-
sten tragend und ehrfnrchtsvoll emporblickend, daneben.
Von dem ausgeführtenBilde, das wcsentlich verändert wor-
den, sind mehrere Exemplare vorhanden. Das beste ist
in Windsorcastle, während das hier ansgestellte, ans
Hamptoncourt, sicher dagegen zurücksteht. Der Ein-
druck des über elf Fuß hohen Gemäldes ist wahrhaft im-
posant. Roß nnd Neitcr sind nicht, wie in der Skizze,
im Profil, sondcru fast ganz von vorn gesehen; in niaje-
stätischer Ruhe sitzt der König, im Harnisch nnd mit lang
wallendem Haar, zu Pferde. Ein anoereS großes dcm
Baronct Sir Charles Jsham gehörcndes Bildniß, wel-
ches den Kvnig im Jagdkostüni einherschreitend zeigt,
während dic Diener mit dcm Pferdc folgen — jene im
Kupfcrstich allgemeiu verbreitete Komposition —, ist nur
eine mäßige Kopie nach dem berühmten Original im
Louvre.

Von Karl's Gemahlin, dcr Königin Henriette
Marie, ist cin lebensgroßes Porträt ans Windsorcastle
vorhanden. Sie steht in ganzcr Figur, mit weißem Atlas-
kleide da. Mit Recht sind besonders van Dyck's verschie-
dene Bilder der Kinder Karl's I. berühmt. So das
gleichfalls nach Windsor gehörende, laut Bezeichnnng
l 637 entstandene Gcniälde, welches alle fünf Geschwister
zeigt: in der Mitte der Prinz von Wales, der spätere
Karl II-, die Hand auf den Kopf eines großen HundeS
legend, seine beidcn Schwestern Elisabeth und Marie
zu seinerRechten, und andrerscits Anna, die drittePrin-
zessin, welche mit dem kleincn James, Herzog von
Uork, dem Baby, beschäftigt ist. Ein anderes Exemplar
diescrDarstellung ist im Museum zu Bcrlin, und ich stehe
nicht an, diesem wegen fcinerer Auffassnng und größerer

Klarheit, namentlich im Fleischton, den Vorzug vor dcm
hier ausgestellten zu geben. Etwa zwei Jabre später ist
die Komposition entstanden, welche nur drei der Kinder
zeigt, Karl links an die Säule gelehnt, den kleinen Herzog
von Uork (Jakob II. als König), an der Hand haltend,
rechts Prinzessin Marie, zu den Seiten zwei Wachtel-
hündchen. In Dcutschland ist das Exemplar der Dres-
dener Galerie allgemein bekannt. Wie schön dies auch
ist, so scheint mir dennoch das Bild aus Windsor, wel-
ches dic Ansstellung aufweist, überlegen. Der Ton ist
wärmer, die Modellirnng vollkommener, und namentlich
ist das Kostüm mit seincn Einzelheiten in nnübertrefflich
kecker Meisterschaft behandelt, den Charakter der Stofse
trefflich gebend und dennoch wie spielend gemacht. Das
Bild der fünf hat einen mehr repräsentirenden Charakter,
das dcr drei ist von frischer, anziehender Naivetät. Jn
ihrer vollen, lieblichen Natürlichkeit sind diese Kinder ge-
gcben, und trötzdem sieht man ihncn auf den ersten Blick
an, daß sie Fürstenkindcr sind.

Beim Bilde des Königs schieu es uns, als müßten
wir in seinen Zügen sein Schicksal lesen. Noch weit mehr
ist dies beim Porträt seines unglücklichen MinistersTh o-
mas Wentworth, Earl of Strafford, der Fall, den
der König sieben Jahrc vor scinem eigncn Fall dem Schaf-
fotte preisgab. Ein Gemälde, dem Earl of Home ge-
hörend, zeigt ihn in ganzer Fignr, mit Brnstharnisch und
Neitcrstiefeln. Weit besser ist noch ein andcres Bild, das,
in halben Figuren, den Minister neben seinem Sekretär
Sir Philipp Mainwaring sitzend zcigt und von einem
Nachkoinmen dieses letzten, dem Baronet H. Main-
waring, geliehen ist. Strafford ist schwarz, sein Se-
kretär roth gekleidet. Der Minister diktirt nnd der Andre
fängt aufmerksam seine Worte anf, nm sie niederzuschrei-
ben. Strafford blickt entschlossen, aber düster drein, es
scheint, als wäre er sich bewnßt, das, worüber er sinne,
könne zu keinem guten Zielc führen. Auch in Main-
waring's Zügen liegt cine Spannung, die fast an Be-
sorgniß grenzt. Es gicbt Gesichtcr, in welche die Natur
nnverkennbar das Geschick einprägt, das sie diesen Cha-
rakteren bestimmt hat, aber um dics Gepräge zu lesen und
künstlerisch ;u verewigen, bedarf es eines Genius wie
van Dyck. (Schluß folgt.)

Korresponderiz.

Bcrlin. Slnf-mg Augnst.

-P Wenn bisher unser Knnstleben die Einwirkungen
dcs Krieges nur als Lähmnng des Verkehrs empfand, so
haben wir dem Kriege jctzt einen Genuß zu verdanken,
wie er in unserer Stadt dem Knnstfreunde wohl noch nie
geboten ist. Denn höchstcns die vor eilf Jahren hier ver-
anstaltete Ansstcllung zum Besten der Ueberschwemmten
an der Weichsel, die ich damals von Berlin abwesend
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