Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Bücherschau. — Kunstblätter. — Nekrologe.

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Bergaltars in Annaberg (z. Z. Dresden, Cranach-Aus-
stellung Nr. 140) zugeschrieben, die direkte Plagiate
der Dürer'schen Holzschnitte B. 84, 94, 88, 89 sind.
Und Cranach Vater, von dem mit Recht behauptet
ist, er habe nie Anleihen bei fremden Malern ge-
macht, lässt diese Plagiate seines „genialen" Sohnes
ruhig aus seiner Werkstatt gehen?!

Wie ist es überhaupt möglich anzunehmen, dass
derselbe Künstler 1521 die äusserst massigen, zu-
sammengestohlenen Flügel des Bergaltars in braunem
Gesamtton und schweren, bunten Farben gemalt haben
soll, nachdem er angeblich 7520 das herrliche, in
duftigsten Lasuren gehaltene Gemälde „Der h. Wili-
bald und die h. Walburga mit dem Stifter" (z. Z.
Dresden, Cranach-Ausstellung Nr. 101) geschaffen hat?

Sonderbar berührt auch die Behauptung, dass
Cranach d. Ä. die Schlange mit zwei Fledermaus-
flügeln — und diese nur von 1509! an — als Zeichen
brauchte, während Hans sich der ««Hügeligen Schlange
bediente. Um nur einige widerlegende Beispiele zu
bringen, sei auf die Holzschnitte des „h. Christoph
mit dem Jesuskinde" (B. 58, Sch. 72) und „Venus
und Amor" (B. 113, Sch. 119) gewiesen, die, obwohl
von 1506, doch schon die Schlange mit doppelten
Flügeln tragen. Die sogenannte „Himmelsleiter der
h. Bonaventura" (B. 78, Sch. 99), die nach den dar-
gestellten Personen — Friedrich der Weise vorn
links knieend, hinter ihm Johann, dem gegenüber
rechts seine 1513 ihm verheiratete, zweite Gemahlin,
— etwa um diese Zeit entstanden sein dürfte, zeigt
deutlich die Schlange mit einem Flügel, ebenso der
frühe Holzschnitt „Ein wilder Mann" (B. 115, Sch. 122),
die Kreuzigung (B. 17) aus der „Passion" von 1509 u. s.w.
Diese ist auch auf dem frühen Bildchen des Berliner
Museums 567 A: „Maria, h. Anna und Kind", auf
dem von dem Verfasser ausdrücklich Cranach d. Ä
zugeschriebenen Bilde der Pester Galerie: „Vermählung
der h. Katharina" (Ausstellung Nr. 73), auf dessen
Porträt des Scheurl (Ausstellung Nr. 4) von 750p
u. s. w. Hiernach ist die Unterscheidung von Vater
und Sohn durch die Zahl der Schlangenflügel un-
haltbar. —

War Hans Cranach nun überhaupt so bedeutend,
dass man ihm irgend hervorragende Kunstwerke zu-
trauen kann? Es sei hierfür folgende Stelle des
Stigel'schen Gedichtes citiert:

„Dir fiel höher Genie und dem Vater die höhere Kunst zu.
Gott, wie gross wärest du, fügten sie diese dir bei!
Viel des Geheimnis bewahrt dir der Vater für spätere Jahre,
Wehe der Schuld!" ....

Aus diesen Worten des sonst so überschwäng-
lich Lobenden geht klar hervor, dass Hans vorläufig
noch der Kunst ermangelte! Der Vorwurf, der Vater
habe ihm Kunstgeheimnisse vorenthalten, scheint an-
zudeuten, dass Hans selbst, vielleicht bei väterlichem

Tadel, den Mangel an Talent so gegen den Freund
zu entschuldigen suchte. Andere Stellen des Carmens
heben im geraden Gegenteil hervor, wie neidlos sich
der Vater „des gewandteren Geistes" des Sohnes er-
freute, wie er wünschte, ihn „grösser zu machen an
Kunst", als der Vater selbst war. —

In der That war Hans Cranach fleissig, das be-
weist die Aufzählung seiner Werke in dem Gedichte
Stigel's; er war aber durchaus talentlos. Die vollste
Bestätigung dessen geben uns die kindlich unsicheren
Entwürfe seines vorgenannten Skizzenbuches. —

Mit der Schilderhebung des Hans Cranach ist
die Pseudogrünewald-Frage, wenn es eine solche
noch nach der Dresdener Cranach-Ausstellung giebt,
nicht gelöst. — h. michaelson.

BÜCHERSCHAU.
Bamberg. — Eine interessante und erschöpfende Biogra-
phie des am 13. Dezember 1898 verstorbenen Kunsthistorikers
Friedrich Leitschuh ist im Verlag der Handelsdruckerei in
Bamberg erschienen. Sie betitelt sich: Friedrich Leitschuh:
Eine biographische Skizze von Dr. M. Kopfstein und sei
hierdurch allen Verehrern des hochverdienten Gelehrten
empfohlen.

KUNSTBLÄTTER.

* Der Berliner Maler Rudolf Eichstädt hatte vor kurzem
im Künstlerhause in Berlin ein Bild ausgestellt, welches
Beethoven in seinem Arbeitszimmer vorführt. In tiefes
Sinnen verloren sitzt der grosse Meister der Töne, das Haupt
mit der Linken stützend. Auf dem Klavier vor ihm brennt
die Lampe; aber durch das Fenster, von dem der Vorhang
zurückgezogen ist, fällt bereits das fahle Licht des heran-
brechenden Morgens aus halb bewölktem Himmel in das
Gemach hinein. Über einem Notenheft grübelnd, das auf
seinen Knieen liegt, hat der Meister die Nacht durchwacht,
ohne der entschwundenen Zeit gewahr zu werden. Durch
die Tiefe und Kraft der Charakteristik wie durch die glück-
liche koloristische Bewältigung des komplizierten Beleuch-
tungsproblems hat das Bild allgemeinen Beifall gefunden,
und in den Kreisen der Verehrer Beethoven's ist der Wunsch
nach einer Reproduktion des Bildes rege geworden. Eine
solche ist jetzt durch den Kunstverlag von Paul Sonntag in
Berlin, Mauerstrasse 63—65, in einer Plattengrösse von
45x69 cm in den Handel gebracht worden. Mit Rücksicht
auf die starken Helldunkelwirkungen des Originals ist als
Reproduktionsart die Kupferätzung gewählt worden, die
Meisenbach, Riffarth & Co. mit treuer Wahrung der kolo-
ristischen Eigenart des Originals ausgeführt haben, a. r.

NEKROLOGE.

*, * Professor Hermann Wislicenus, der Schöpfer der
Wandgemälde im Kaiserhause zu Goslar, ist am 25. April in
Goslar, wo er nach Vollendung der Gemälde seinen Wohn-
sitz genommen hatte, im 74. Lebensjahre gestorben.

London. —Josef Wolf der am 20. April d. J. in London
verstarb und 1820 in der Nähe von Koblenz geboren war,
galt als der erste englische Tiermaler. Sein grosser Rivale
Landseer hat ihm diesen Ehrenplatz selbst zuerkannt. Schon
als Knabe entwickelte er bedeutendes Zeichentalent. Die
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