Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 15.1904

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstr. 13

Neue Folge. XV. Jahrgang

1903/1904

Nr. 2. 23. Oktober.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
Monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
tvunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Ver-
agshandlung keine Oewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haas enstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

Wie in der vorigen Nummer angekündigt, wird über die diesmaligen Verhandlungen des Tages für Denkmal-
pflege ausführlicher Bericht erstattet werden. Wir beginnen heute, indem wir den Vortrag von Q. Dehio wörtlich mitteilen
und das zweite Referat im Inhalt wiedergeben. Die Redaktion.

VORBILDUNG ZUR DENKMALPFLEGE

Rede auf dem vierten Tage für Denkmalpflege in Erfurt^)
Von O. Dehio

Ich habe den im vorigen Jahr in Düsseldorf mir
erteilten Auftrag, die heutige Erörterung mit einem
kurzen Vortrage einzuleiten, nicht dahin aufgefaßt,
daß ich ein detailliertes Programm vorlegen sollte;
ich könnte mir von einem solchen wenig versprechen,
solange nicht die prinzipiellen Fragen geordnet sind;
und so weit sind wir noch nicht, wie mir scheint.
Im übrigen glaube ich nicht, daß es notwentig nur
einen Weg gibt, der zum Ziele führt. Aber aller-
dings über das Ziel müssen wir uns einig werden.
Von der heutigen Erörterung erwarte ich als Haupt-
ergebnis, daß sie uns erkennen lassen wird, wie weit
wir uns etwa der Einigkeit in den prinzipiellen
Fragen schon genähert haben.

Zur Denkmalpflege im weiteren Sinn gehört ein
jeder, der für unsere Denkmäler ein Herz hat und je
nach Gelegenheit für ihre Erhaltung tätig ist; dieser
Kreis kann nicht groß genug sein und es ist eine
der Aufgaben unserer Denkmalpflegetage, für ihn zu
werben. Hier aber soll nicht von ihm, sondern von
dem kleineren und bestimmt abgegrenzten Kreise
derer die Rede sein, die berufsmäßig sich mit der
Konservierung und was davon nicht zu trennen ist,
mit der wissenschaftlichen Bearbeitung der Denk-
mäler beschäftigen.

Die Denkmalpflege ist die jüngste in einer Reihe
analoger Organisationen. Ihre nächsten Verwandten
S1nd das Archivwesen und das Museumswesen. Ge-
nieinsam ist den dreien der Zweck der Konservierung
historischer Urkunden, diesen Begriff im weitesten
^inne des Wortes genommen, und die Anerkennung
des daran bestehenden Interesses durch die öffentliche
Oewalt — Staat, Provinz oder Gemeinde —, woraus
von diesen hinsichtlich der Konservatoren der An-
spruch auf Nachweis einer zweckgemäßen Vorbildung

Erfurte vo"s^ndige stenographische Bericht über die
sehen H f?rllanc*lungen wird im Verlage der Chi F. Müller-
1°tbuchdruckerei in Karlsruhe erscheinen.

abgeleitet wird. In den Archiven bewahren wir Ur-
kunden vornehmlich der öffentlichen Verwaltung; zu
Hütern der Archive machen wir aber nicht Ver-
waltungspraktiken, sondern methodisch geschulte
Historiker. In den Museen sammeln wir Werke der
Kunst; aber es ist ein als veraltet anerkannter und
auch praktisch schon meist überwundener Irrtum,
daß Maler und Bildhauer die besten Museumsverwalfer
seien.

Im Gegensatz dazu fällt im Betrieb der Denkmal-
pflege, wie sie bei uns eingerichtet ist, sogleich dieses
sehr auf: sie beschäftigt gleichmäßig zwei hinsichtlich
ihrer Vorbildung ganz verschiedene Kategorien: die
Konservatoren und ihre Gehilfen sind teils Künstler
(in den meisten Fällen Architekten), teils Gelehrte.
Und zwar findet eine Teilung nach Funktionen nur
einseitig statt. Daß die Gelehrten nicht unmittelbar
an technischen Maßnahmen sich beteiligen, versteht
sich von selbst; dagegen sind die Architekten nicht
auf die technische Exekutive beschränkt, sie geben
fortwährend Urteile über Fragen ab, die begrifflich
auf dem Gebiete der historischen Kunstbetrachtung
liegen. Es ist nun von vornherein nicht leicht zu
glauben, daß beide ganz verschiedenen Vorbildungs-
arten und ganz verschiedenen Denkrichtungen zu
gleichen Ergebnissen für die Denkmalpflege führen
sollten. Es fragt sich: was sollen wir von diesem
Dualismus halten? Ist er notwendig und gut und
soll er deshalb so bleiben wie er ist? oder ist er
vielleicht im Sinne derselben
Museumswesen bereits sich

im

verbesserungsfähig?
Entwickelung, die
verwirklicht hat?

Ich gestehe, daß ich diese Frage für eine recht
verwickelte halte.

Die Denkmalpflege, die wir heute haben, ist eine
Frucht des vielgerühmten, unter Umständen aber auch
schon recht gescholtenen historischen Geistes, dessen
Vorherrschaft für die geistige Kultur des 19. Jahr-
hunderts charakteristisch war. Eine im Grunde auf-
fallend langsam gereifte Frucht. Wäre es, um die
Kunst der Vergangenheit vor Verderbnis und Unter-
gang zu schützen, allein auf den Willen ihrer Ver-
ehrer angekommen, so hätten sich Kunstwissenschaft
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