Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 15.1904

Seite: 373
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Wiener Brief

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hingepatzten Arbeiten Belleroches die interessantesten
Blätter in der modernen Abteilung sein dürften.

KARL EUQEN SCHMIDT.

WIENER BRIEF

Die Sezession hat ihre 20. Ausstellung eröffnet,
an der sich lauter Österreicher beteiligen. Zwei große
Statuen bilden ihren Kern und haben auch die Raumbildung
beeinflußt. In einem runden, weißen Gemach steht Franz
Metzners »Erde«, eine männliche Kolossalgestalt inSavoniere-
Stein. Sitzt vielmehr, denn diese Erde ist ein richtiger
Erdball, die mächtigen Gliedmaßen in einen Knäuel zu-
sammengeballt, der den dankbarsten anatomischen Spiel-
raum gewährt. Metzner, der für seinen »vierten Preis«
bei der Bewerbung um das Kaiserin Elisabeth-Denkmal
durch die Professur an der Akademie entschädigt worden,
ist eine plastische Natur voll Stil und Kraft, die sich
hoffentlich in Wien ausleben wird. Seine »Erde« hat etwas
Neues und Großes; man hat den Eindruck, als sei kein
überflüssiger Meißelhieb daran. Auch die Atlanten, die
pilasterartig das Gemach stützen, sind eigentümliche, so
recht architektonische Figuren. Der andere Plastiker ist
Hugo Lederer (Berlin, aber in Znaim geboren), der für
Hamburg den granitnen Bismarck (als »Roland«) geschaffen
hat. Seine prächtige Bronzefigur eines Fechters, die man
hier sieht, ist für den Brunnen vor der Universität zu
Breslau bestimmt. Ein Akt voll jugendlicher Spannkraft,
Standseite und Spielseite trefflich in Gegensatz gestellt
und dadurch ins Gleichgewicht gesetzt, ein fühlbar
lebendiges Gebilde. Auch die Büsten dieser beiden
Künstler sind voll modernen Lebens. Unter den Malern
erregen Rudolf von Alt, Gustav Klimt und Maximilian
Lenz die meiste Aufmerksamkeit. Alt, der Fünfundneunzig-
jährige, hat vier ganz neue Aquarelle ausgestellt. Darunter
ein großes, das seine eigene Wohn- und Malstube dar-
stellt, mit dem alten geschnitzten Tirolerschrank im Hinter-
grunde, während vorne der Meister selbst sitzt und ein
Urenkelchen bei sich stehen hat. Die Wucht und Breite,
mit der hier die großen farbigen Schattenmassen behandelt
sind und die Energie im Spiel des Fensterlichts sind zu
bewundern. Die anderen Bilder sind aus der Goiserer
Sommerfrische. Besonders fein das »alte Gasthaus in
St. Agatha«, dessen scheinbare Zierlichkeit sich in der
Nähe als Durchsichtigkeit der breit hingefegten Farbe ent-
puppt. Der Urgreis wird natürlich allgemein bewundert.
Klimt erregt mit einem (unvollendeten) Bilde: »Wasser-
schlangen« maßloses Kopfschütteln. Aber das tut ja seit
Jahren immer wieder sein letztes Bild, während sein vor-
letztes dann regelmäßig pardonniert und als »noch« an-
nehmbar erklärt wird. Es ist ein wunderbarer Ausschnitt
aus dem Tiefseeleben, mit jener ornamentalen Phantasie
dargestellt, in der der Künstler schwelgt. Bunte,
goldbesternte, purpurbeschuppte Wasserschlangen und
nixenfarbene Seejungfern wogen dahin, über scheckigem
Kies, zwischen hellgrünen oder auch hellgoldenen Algen,
die sich in wallende, grüngoldige, blondrötliche Mähnen
schlingen. Schwärme von juwelenfarbenen Fischchen
tummeln sich, schießen vorbei, in einem hellen Untersee-
Zwielicht, das den Dingen eigene schillernde Reize leiht.
In den Weiblichkeiten klingt, nur ganz leise, ein gewisser
Tic an, gegen den die Wohlgewöhnten sich grundsätzlich
zu verwahren pflegen. Moderne Meerweiber haben etwas
von Ibsentöchtern, an denen die Familie leicht Anstoß
nimmt. Das Bild ist ein vollwichtiger Klimt, mit allen
seinen Vorzügen. Leider gibt es auf dieser Ausstellung
auch eine Menge falscher Klimte. Etliche, sonst ganz be-
gabte, Jüngere wollen nämlich jetzt partout klimtisieren.

Große Nachahmerei, die natürlich nur zu Fehlschlägen
führt. Auch das Recht, sich anregen zu lassen, hat seine
Grenzen. Das hat Maximilian Lenz richtig empfunden.
Sein großes Bild: »Idunas Äpfel« ist ein ganz Lenzsches
Prachtstück, obgleich es an Aubrey Beardsley denken läßt.
Als wäre eines seiner dämonischen Weiberchen aus dem
zierlichen Schwarz-und-Weiß seiner Albums in Vollfarbe
und Wandgröße übertragen. In weiter arkadischer Land-
schaft sitzt ein schlankes, blankes Weib, die goldenen,
herzförmigen Idunasäpfel in den Händen. Auf ihrem tief-
schwarzen Haare schimmert eine breite goldene Krone
und ihr einziges Gewand, der dunkle, überreich mit (echtem)
Gold gestickte Herrschermantel breitet sich weithin über
das Gras. Er läßt dabei den sitzenden Körper nackt, in
einer eigen stilisierten, bleichen, leicht mit Schwarz »an-
gerippelten« Fleischfarbe. Es ist etwas mittelalterlich
Aristokratisches von Miniaturstil darin, mit einem Über-
hauch von spanischer Schwärze. Die Wirkung ist prächtig
und man vergißt ganz, nach Quellen zu forschen. Ein
interessantes Farbenexperiment macht Bernatzlk in einem
dottergelben Zimmer, mit landschaftlichen Wandmalereien
in der veilchenbläulichen Ergänzungsfarbe. Von Engelhart
gibt es vorzügliche Malerei und Plastik. Ein Blick in den
Sofiensaal, mit Maskenball, und ein ganz brillantes weib-
liches Deshabille im reflexreichen Sommergras sind her-
vorzuheben, dann das liebliche Marmorköpfchen seines
Töchterleins. Unter den Landschaften ist ein »Herbst«
des sehr begabten Ludwig Slgmundt die feinste, aber auch
Karl Moll erreicht in zwei solchen Idyllen eine hohe Stufe.

In der 31. Jahresausstellung des Künstlerhauses spielt
zunächst das Porträt eine Hauptrolle. Professor Julius von
Benczur (Budapest, noch aus der Pilotyschule) stellt
mehrere Bildnisse aus (Brustbild des Kaisers, großes
Porträt des Erzherzogs Albrecht, der Erzherzogin Isabella,
sämtlich aus dem Besitz des Erzherzogs Friedrich), welche
die Bildniskunst der früheren Generation von ihrer besten
Seite zeigen. Laßlo (Erbprinzessin von Meiningen, Fürstin
Metternich, Alice Barbi in der Attitüde von Raffaels Sta.
Cecilia), Angell (Frau von Schoeller und andere), Ferraris
(Kaiser Wilhelm IL), Mehoffer (Herr von Schoeller),
Pochwalski, Emil Fuchs (London) und andere bieten
Treffliches. Von Ausländern Lenbach (Porträt des Medailleurs
Kautsch, der dafür Lenbach modelliert). Unter den auf-
strebenden Genremalern ist L. B. Eichhorn hervorzuheben,
mit einer großen galizischen Wallfahrt, deren nationale
Typen modern illuminiert sind. (Königswarter-Preis.)
Dann Adams mit einem großen »Totengebet« aus Volen-
dam. Unter den reiferen Lebiedzkis vornehm kühle Pietä,
Wlldas Turandot, eine sehr hüsche Chinoiserie in der Ton-
art des hellen Goldes, Baron Merodes großer Dampfhammer,
Scharfs (Paris) tonfeine Bretonin, Temples »Nach dem Duell«
mit prickelnder Morgenstimmung u. s. w. Unter den Land-
schaften einiges von Tomec, dessen Herbste und Prater-
sterne sich immer feiner spezialisieren, von Schaff er,
Darnaut, Zetsche u. s. w. dazu viel deutsche Landschaften
(Feddersen, Ciarenberg, Piepho, Frobentus und andere) und
brillante farbige Graphik aus Paris. — Unter den kleineren
Ausstellungen ist die des Malers Johann Viktor Krämer
(Sezession) bei Miethke sehr hervorragend. Eigentlich
schon eine große Ausstellung, die namentlich seine kolo-
ristischen Abenteuer in Südspanien, Nordafrika, Sizilien
und Palästina mit reizvollem Animo schildert. Er ist eine
innige, künstlerisch gläubige Natur, der sich die alten
Kultur- und Kultusstätten mit den Göttern von einst be-
völkern. Seine letzte Ernte hat er vorigen Sommer auf
Korfu gehalten, dessen blühender Pflanzenwuchs ihn be-
sonders begeistert. Diese Wald- und Blumenszenen sind
bei ihm von unverwischbarem Zauber. ludwig hevesi.
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