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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 25,2.1912

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Heft 11 (1. Märzheft 1912)
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Goldstein, Moritz: Deutsch-jüdischer Parnaß
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https://doi.org/10.11588/diglit.9026#0375
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Iahrg.25 Erstes Märzhest 1912 Heft ll

Deutsch-jüdischer Parnaß

^ nter dieser Äberschrift sendet uns ein gebildeter Iude Ausführungen,
) » die schon unr ihrer ganz ungewöhnlichen Osfenherzigkeit willen bei
^^Iuden wis Nichtjuden Aufsehen erregen dürften. Es versteht sich
von selbst, daß wir sie nicht als unsre eignen Meinungen wiedergeben, und
daß dieser Beleuchtung von einer Seite die Beleuchtung von andern her
folgen nruß. Aber Goldsteins Aufsatz scheint uns ganz ungewöhnlich ge-
eignet als Ausgangspunkt einer Erörterung.

G

Von gewissen Dingen zu reden, verbietet das Schamgesühl. Ein
höheres Interesse aber kann uns zwingen, dieses Gefühl zu unter-
drücken und ossen von einer Sache zu reden, wenn rücksichtsloses
Aufdecken das einzige Mittel ist, ein Abel zu beseitigen. Schäden der
Allgemeinheit können nur von und in der Allgemeinheit behoben wsrden,
und dazu ist nötig, daß sie zur ösfentlichen Diskussion stehen, mag sich
Herkommen und guter Geschmack auch gegen solche Behandlung delikater
Dinge wehren. And wie laut auch die zarten Seelen sich entrüsten
und Zeter schreien, es wird immer verdienstlich sein, ausgesprochen zu
haben, worüber zu schweigen bisher weltmännische Pflicht war.

„Der Iude in der deutschen Literatur", das ist eines von den aller-
heikelsten Dingen, die nicht in den Mund genommen werden dürfen, will
man sich nicht heillos kompromittieren. Zwar dann und wann wählte
dieses oder ein ähnliches Thema ein jüdischer oder christlicher Literatur-
professor, um durch die vornehme Sachlichkeit und kühle Gelassenheit,
mit der er das Schiffchen seines Vortrags, ohne rechts oder links anzu-
stoßen, durch das schwierige Gewässer steuerte, sich als echten Europäer
auszuweisen. Wie ost die Gestalt der Esther zu dramatischem Leben
beschworen worden ist, hat man uns wiederholt vorgerechnet; wieviel
Iuden unter ihren Dichtern sind, danach zu fragen, hütet man sich
meist. Greift ein Christ das Problem beim Schopfe und sagt rück-
sichtslos seine Meinung wie Richard Wagner vom „Iudentum in der
Musik", so wird er als „Antisemit" gebrandmarkt, und Höfliche über-
gehen seine Schrift mit Stillschweigen. Wenigstens im Verkehr mit
Iuden. Welcher gesittete Deutsche wollte sich auch das Lob entgehen
lassen, daß er tolerant sei? Aber wir Iuden verlangen endlich Ehrlichkeit,
und die Zeit ist hoffentlich nicht mehr sern, wo ein Iude den Schurken
vor seine Klinge sordern wird, der es wagt, gegen ihn „tolerant" zu
sein. Vorläusig sind wir noch nicht so weit. Wagners Iudenhaß ist
nicht nur den Iuden ein Dorn im Auge, sondern auch wohlmeinenden
Christen ein ?uäenäum, von dem sie nur heimlich unter sich reden.
Osfiziell dagegen bescheinigt man uns gern, daß nicht die deutschen Fürsten
oder das deutsche Volk, sondern jüdisches Geld Bayreuth ermöglicht habe,
und uns tut es im Herzen wohl, von jener Seite bestätigt zu bekommen,
daß der große Mann uns schnöde verkannt habe und daß sein Werk
allerdings von seinem Antisemitismus getrennt werden müsse. So reist

h Märzheft W2 28s
 
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