Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Gemeinschaften der Geschichte als „sozialistisch" gesinnte Denker, Politiker,
Gesellschaftgruppen.

Gin dritter Bestandteil des Sozialismus ist die Fülle der positiven
sozialistischen Lehren. Diese haben früher meist ihren Platz in den
Iktopien vom Zukunfts- oder Idealstaat gefunden. Diese ungemein reiz-
volle Art, die Menschen mit einer schöneren nnd glückhafteren Lebensordnung
bekannt zu machen, ist im i9- Iahrhundert leider wenig gepflegt worden.
And noch mehr ist zu bedauern, daß nichts eigentlich Ersatzfähiges an ihre
Stelle getreten ist. Der moderne Sozialismus verfügt noch heute nicht über
einen allgemein anerkannten Grundstock von Lehren über Organisation und
Prinzipien der sozialistischen Lebensordnung. Man muß sich diese Pnn-
zipien und Anregungen vielmehr aus den kritischen Schriften des Sozialis-
mus über Erziehung, Wirtschaft, Geschichte, Recht, Heerwesen, Weltpolitik,
Philosophie, Religion, Kirche usw. zusammenlesen.

Zum vierten ist Sozialismus eine gesellschaftliche Bewegung. Wir
Menschen pflegen nicht bei der theoretischen Kritik und dem utopistischen
Spiel der Gedanken stehen zu bleiben. An sie heftet sich der Wille zur
Macht, der Wille zu Amwälzung und Neubau. Auch sozialistische Be-
wegungen hat es in der Form von Sklaven-, Arbeiter- und Bauernauf-
ständen, Sekten, sektiererischen Gemeinde-, Stadt- und Koloniegründungen,
Putschen, Revolutionen und Parteiorganisationen nahezu immer gegeben,
so wenig auch die üblichen Geschichtbücher von alledem zu berichten pflegen.

Dies alles: Gesinnung, Kritik, Lehre, Bewegung und den Inbegriff
von alledem zusammen verstehen wir unter dem Wort Sozialismus.

Am dic jüngsten Ereignisse zu verstehen, braucht man geschichtlich nicht
weiter zurückzublicken, als bis zu Karl Marx. Marx wurde im Anfang des

Iahrhunderts geboren und fand die liberal-individualistische Lebensord-
nung, die er in Deutschland, noch mehr aber in Frankreich, Belgien, Eng-
land beobachtete, im Stadium ihrer ersten Blüte und ihrer surchtbarsten
Auswüchse vor. Sozialistische Gesinnung war damals Verbrechen und wenig
verbreitet, sozialistische Kritik nur wenigen geläufig, der Ntopismus ziem-
lich häufig, aber recht wirklichkeitfremd, von einer geschlossenen positiven
sozialistischen Lehre waren kaum Spuren vorhanden, von einer sozialistischen
Bewegung nicht viel mehr als Ansätze. Aber gerade die Zeit der un-
umschränkten Herrschaft liberal-individualistischer Prinzipien war dazu reif,
war dazu vorbestimmt, die sozialistische Gegenströmung aus sich heraus-
zusetzen. Geboren zum flammenden Verkünder einer sozialen rnd sozia-
listischen Gesinnung, hat Marx mit ungeheurer Wucht eine monumentale
Kritik der ihn umgebenden Lebensordnung geschaffen. Eine tiefe philo-
sophische Bildung, gründliche geschichtliche und eingehende nationaiökono-
mischc Studien befähigten ihn ebenso dazu wie sein staunenswerter Fleiß
und seine umfassende Kenntnis der Wirklichkeit. Dem theoretischen Aufbau
einer neuen Lebensordnung, der Atopistik, hat Marx dagegen sich nicht
gewidmet, er hat sie vielmehr mit strengem Wort bekämpft. Das hing mit
seiner hegelisch gesärbten Geschichtsphilosophie zusammen, nach der eine
geschichtliche Erscheinung gleichsam „von selbst", aus sich heraus die ent-
gegengesetzte gebiert; in gröbsten Worten gesagt: nach Marx mußte der
Sozialismus eines Tages ohne viel Amstände notwendig den Liberal-
Individualismus ablösen, wenn dieser zu seinem Ende herangereift sein
würde. Danach war es also unnötig, sich eingehend mit dem „Zukunftstaat"
zu beschäftigen; eine kurze „Diktatur" der Sozialisten und eine entschiedene

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