Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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chen wieder zu wenden. Langscnn aber sicher beginnt die neue Lehre Fuß zn
fassen. Daß dies znerst bei der Iugend und bei den Knnstlern geschieht, kann
mir nur lieb sein. Denn der Iugend gehört die Zuknnft, und jeder Künstler,
der einc ästhetische Theorie ans seiner praktischen Erfahrnng heraus bestätigt,
kann als ein wichtiger Kronzeuge für ihre Wahrheit angesehen werden. Das
Merkwnrdige dabei ist nur, daß die Zustimmungen weniger aus dem Lagcr
der bildenden Künstler und der Kunsthistoriker, in das ich doch meinem Verufe
nach gehöre, als aus dem der Musiker und Schauspieler kommen. Wenn
unsere expressionistischen Maler erst einmal Herausgefunden haben werdcn,
welche Fundgrube von Beweisen für ihre Theorie bei gutem Willen in dcr
Illusionsästhetik zu erkennen ist, so werden sie sich mit Eifer auf sie stürzen.
Das wäre allerdings eine Wendung, vor der mir schon im stillen graust. Deun
es ist vorauszusehen, daß sie sie mißverstehen, d. h. einseitig auffassen werden.
Ist doch ihre ganze Kunst nichts als eine einseitige Abertreibung eines an sich
richtigen Prinzips.

Daß aber Musiker und Schauspieler ein so gutes Verständnis für die
Itlusionstheorie haben, erkläre ich mir daraus, daß die ästhetische Illusion in
ihren Künsten (und in der Architektur) am reinsten auftritt und am leichtesten
zu erkennen ist. Die Sache liegt in der Tat nicht fo, wie die Kritik vielfach
behauptet hat, daß man wohl in der Malerei und Plastik von Illusion sprechen
kann, in dcn andern Künsten, z. B. in der Musik und Baukunst aber nicht,
sondern umgekehrt: die Illusion tritt in der Lonkunst, Architektur nnd Vühnen-
kunst ganz besonders deutlich auf, weil es sich hier niemals um ein völliges
Zusammenfallen des Kunstwerks mit der Natur handeln kann. Denn das Wesen
der Illusionstheorie besteht ja nicht darin, daß sie bei der Knnst ein unbc--
schränktes einseitig gesteigertes Streben nach Illusion — im Sinne der Täuschung
— voraussetzt, sondcrn im Gegenteil darin, daß sie dieser Illusion bestimmte
Grenzen zieht, indem sic die ästhetische Illusion — im Gegensatz zn der land-
läufigen Auffassung des Wortes — nicht als wirkliche, sondern als
bewußte Selbsttäuschung auffaßt.

Die Bewußtheit der Selbsttäuschung wird während der Anschauung des
Kunstwerks durch die sogcnannten täuschunghindernden Elemente
aufrecht erhalten. Darunter verstehe ich diejenigen seiner Eigenschaften, die von
der Natur abführen, in einem Gegensatz zur Natur stchen. Zn ihnen gehören: in
dcr Malerci der Rahmen des Bildes, in der Plastik das Postament der Statue,
in der Schauspielkunst die erhöhte und von einem Rahmen umschlossene Bühne,
in dcr Musik der Rhythmus uud die Harmonie, in der Dichtkunst der Vers,
das Mctrum, die gehobene Sprache usw. Denn bei allen diescn Dingen handelt
es sich nicht etwa um Außerlichkeiten oder um gleichgültige Zutaten, die
auch wcgbleiben könnten, und die bei der Anschanung nicht wahrgenommen
würden. Sondern dicse täuschunghindernden Elemente sind, mögen sie nnn
zahlreicher oder weniger zahlrcich anftreten, wesentliche Bestandteile
der Kunst. Sie sind Eigenschaften des Kunstwerks, die sich aus den technischen
Darstellungsmitteln und dcm davon abhängigen Verhältnis zur Natur mit
Notwcndigkeit ergcben. Das erkennt man besonders daran, daß zu ihnen
auch alles das gehört, was wir — im Anterschied von der sklavischen Natur-
nachahmung — als „Stil" bezeichnen. Denn der Stil ist es vor allem, dcr
das Kunstwerk in einer gewissen Entfernung von der Natur hält. Er bringt
jene Distanz zwischen Natur und Kunst, jene Spannung zwischen beidcn hervor,
die, wenigstens für den ästhetisch gebildeten Beschauer, die Vorbedingung des
ästhetischcn Genusses ist. Durch den Stil und dnrch jene äußerlichen Illusions-
störungen wic Rahmen, Postament usw. Wird der Beschauer nämlich gezwungen,
sich das Kunstwerk in der Phantasie zur Natur zu ergänzen, d. h. es wird ihm
eine produktive Tätigkeit zugemutct, die als solche — so müssen wir annehmen —
die Ouelle eines besondercn Lustgefühles ist. Daß sich dies tatsächlich so ver-
hält, ergibt sich unter anderem daraus, daß auch das Kind mehr Frende an
primitiven Spielsachen hat, als an solchen, die mit realistischer Genauigkeit

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