Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 110
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der Natur möglichst zu nähern suchte, wurde die Phantasietätigkeit des Zu-
schauers tatsächlich ausgeschaltet, da ja das Kunstwerk für seine Anschauung
von vornherein mit der Natur zusammenfiel. Noch ausführlicher und eben-
falls im Sinne meiner Theorie hat Endemann das Problem behandelt:

„Ieder Täuschung liegt eine mehr oder minder scharf durchgeführte Spal-
tung des Bewußtseins zugrunde, welche die sinnliche Wahrnehmung
als solche in einen Gegensatz rückt zu dem, was man sich unter ihr vorstellt,
was man also nur wahrzunehmen glaubt. Fällt das Vorgestellte mit dem
Wahrgenommenen eng zusammen, so liegt die Ursache zu einer glatten Ver-
wechselnng vor, die vielleicht als eine gewisse Fertigkeit bestaunt, niemals aber
als echte Kunst bewundert werden darf: nicht das mit der organischen Natur
Äbereinstimmende macht das Wesen der Kunst aus; der ästhetisch Genießende
muß vielmehr gleich von Anfang an und für die ganze Dauer seines Betrachtens
in einem Kunstwerk nichts anderes als eben ein Kunstwerk erkennen wollen
und auch erkennen können.

»Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,

Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.« (Goethe)

Gewiß, unsere Freude an dem besonders Lebenswahren, Naturechten der künst-
lerischen Formung steht... mit dem Zweck der Kunst unmittelbar in Einklang;
aber damit soll eben nur gssagt sein, daß wir über die Illusion der lebendigen
Wirklichkeit Freude empfinden, zu der uns der Künstler anzuregen weiß:
die Freudc über die Illusion, die Lust an der Möglichkeit, mit Hilfe der
eigenen Phantasie eine Vertauschung zwischen den materiellen Ligenschaften
einer Kunstleistung und ihrem Inhalte vornehmen zu können, das ist es,
was das Kunstwerk überhaupt erst zum Kunstwerk macht. Darum mindert
eine Täuschung, wie sie die als Naturalismus bezeichnete Richtung anstrebt,
den ästhetischen Genuß in dem Waße herab, als es ihr gelingt, jenes aktive
Eingreifen unserer Phantasie zu unterbinden. Denn was schon ganz oder
doch beinahe Natur ist, läßt sich nicht erst noch in Natur übersetzen; ohne
diese Ämdeutung ist aber eine ästhetische Anschauung nicht denkbar. Damit
ist zugleich ausgesprochen, daß es in der Kunst Elemente geben muß, die einer
völligen Gleichsetzung des Künstlerischen mit dem in ihm enthaltenen Stück
Natur zuwiderlaufen, die es uns also erleichtern, die Täuschung zu durch-
schauen und den Gegensatz zwischen Wahrgcnommenem und Vorgestelltem be-
wußtermaßen aufrecht zu erhalten... Trotzdem rrun die Bühnenkunst Leben
mit Leben malt und schon dadurch überaus agile Vorstellungen hervorzurufen
weiß, steht doch auch sie unter dem Gesetz des mächtigen Als Ob, muß also
wie jede künstlerisch begrenzte Fiktion stets einen gewissen Abstand gegenüber
der Wirklichkeit respektieren und dem Beschauer Raum geben, unr neben seinem
Miterleben der eigentlichen Bretterwelt (soll heißen: der dargestellten Wirklichkeit)
noch andere Gefühle und Gedanken in sich ausreifen zn lassen, die mit dem Kunst-
werk als einem außerhalb von ihm stehenden Objekt und namentlich mit den
Intentionen des Dichters als des ursprünglichen Schöpfers in Beziehung stehen.
Demgegenüber fruchtet es wenig, immer nur auf jenen Teil des Publikums
hinzuweisen, der den höchsten Genuß gerade darin findet, daß seine Phantasie
durch die äußere Wahrnehmnng überlistet wird, daß er also die schöne Deko-
ration als „richtige" Wirklichkeit nehmen kann. Bei einem solchen Identi-
fizierungsgelüste wird natürlich jeder klcinste technische Mangel sofort bemerkt
nnd doppelt störend empfunden..." (S. 29 ff.).

Man sieht also, Hildebrand sowohl wie Endemann stehen ganz auf dem
Standpunkt der künstlerischen Stilisierung des Bühnenbildes. Ausschlaggebend
erscheint ihnen für den Wert der Schöpfung die bewußte Abweichung von
der Natur mit Rücksicht auf die technischen Mittel der Darstellung. Sie sagen
sich offenbar: man kann zwar, wenn man will und die technischen Mittel
entsprechend steigert, alles auf der Bühne darstellen. Aber das hat keinen Wert,
da doch immer kleine Illusionsstörungen vorkommen, die dann natürlich um so
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