Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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entgegen, es sang-„hier bin ich — hier bin ich!"-Noch anf

zwei Seiten stießen die mit wildem Wein und Kaprifolium dicht bewachse-
nen Mauern an andere stille herrschaftliche Gärten, und nur auf einer
Seite erhoben sich hohe graue Häusermauern, die aber von den Bäumen
ganz verdeckt waren und auch keine Fenster hatten, so daß also niemand
hereinschauen konnte.

Mitten im Garten war ein schöner Rasenplatz in Form eines — srei--
lich etwas verwachsenen — Herzens mit zwei großen Beeten, auf denen
viele rote und weiße Rosen blühten, und zwischen ihnen stand eine Sonnen-
uhr auf einem schönen alten Sockel.

Die Sonnenuhr hatte den Gang der Sonne und die Stunden von
Großmutters Glück schon in dem sernen urgroßväterlichen Garten angezeigt,
und nach dem Tode des Urgroßvaters hatte die Großmutter sie nach Ko°
penhagen kommen lassen, wo sie zuerst in dem dunklen Keller des Ad--
mirals ihr Dasein fristen mußte, später aber doch hier im Garten auf dem
Rasen die Zeit nach der Sonne anzeigen durfte, und wo sie nun seit mehr
als einem Menschenalter stand. Lautlos und ruhig — jedoch lange nicht
immer — verkündete sie den Fortschritt der Zeit, aber durchaus nicht wie
die lauten, rastlos jagenden, atemlos tickenden Rhren in der Stadt. Es
war einem auch, als gleite die Zeit hier viel unmerklicher dahin als sonst--
wo und als nehme sie sich dazwischen ab und zu einmal Muße, ganz still
zu stehen — nachdenklich stille . . .

Eine kleine Strecke von der Sonnenuhr entfernt stand ein Birnbaum —
ja natürlich! —, der seinen zarten Blütenschnee auf das weiche grüne Gras
hinunterrieseln ließ und nicht besonders süße Frühbirnen trug. „Aber es
sind doch nicht die richtigen altmodischen Sommerbirnen mit dem echten
herben Geschmack; diese kann man leider fast gar nicht mehr bekommen,"
pflegte Großmutter zu sagen.

Dicht vor dem Rasen, nur durch den Kiesweg getrennt, stand ein hoher
hölzerner Pavillon mit bunten Fensterscheiben, zu dem einige Stufen
hinaufführten, und den Onkel Wilhelm „die indische Pagode" nannte.
Rechts davon ragte ein großer Kastanienbaum auf mit seinen festlichen,
wie Weihnachtskerzen schimmernden Blüten, und links eine schlanke Akazie
mit ihrem bebenden zarten Laub und ihrer wie aus Mondschein gewobenen
Blütenpracht. . .

An dem entgegengesetzten Ende des Gartens war ein ehrwürdiger alt--
modischer Nußbaum und sonst noch viele blühende Büsche nnd Sträucher:
Flieder, Goldregen, Dyglidra mit kleinen schwankenden Herzen, Iasmin —
überdies einzelne Iohannisbeer- und Himbeerstauden. Immer stand irgend
etwas in voller Blüte und duftete im Sonnenglanz dieses Gartens, während
weiße Schmetterlinge unsicher und langsam umhergaukelten, als seien sie
von all dem Duft leicht berauscht.

Von dem Augenblick an, wo im April das erste Grün hervorsprießte.
bis im Herbst der wilde Wein an der Mauer seine letzten blutigroten Blät-
ter fallen ließ, waren die Kinder fast täglich in Großmutters Garten. Einen
sichereren Ort, wo ihre kleinen Mädchen besser aufgehoben gewesen wären,
konnte Mutter sich ja gar nicht wünschen, als diesen geschlossenen Platz,
zu dem der Schlüssel in Großmutters Tasche aufbewahrt war,- da konnte
man sie schon allein lassen.

Die ganze Ecke um den großen Nußbaum herum war den Kindern ein-
geräumt. Da hing an zweien der dicksten Zweige ihre Schaukel, und da hatten
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