Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2. Nürnbergs verschiedene (Er-)Fassungen

SüWzer darauf" Die Angst vor dem »Versch weizern«, das heißt, dem Bruch
mit überkommenen politischen Vorstellungen von Herrschaft und der Infrage-
stellung traditioneller Hierarchien, wird nach Harro Blezinger auch anderswo
geschürt.^ Sie muss als umso schlagkräftigeres Argument gelten, wurde die
Reichsstadt Nürnberg doch mit dem Feind ineins gesetzt, gegen den sie Seite
an Seite mit dem fränkischem Adel und den Markgrafen in den Schweizerkrie-
gen kämpfte. Die Reaktion des Nürnberger Rates zeigt, dass das angriffslustige
Pamphlet sein Ziel nicht verfehlte. Nach einem Ratsbeschluss sollten die Rats-
herren Ortlof Stromer und Martin Geuder die Geistlichen bitten, in Predigten
und bei der Beichte die Aufregung über den Spruch zu beschwichtigen.^
Das Thema der Gerichtsbarkeit besaß damit aber, so zeigen die beiden dem
Dichter Vbertwerch aus dem markgräflichen Lager zugesprochenen Lieder wie
auch die städtische Reaktion darauf, eine besondere Brisanz für die Nürnber-
ger. Denn in den Texten wird nicht nur die Integrität der Stadt in Frage gestellt
und diskutiert, wie dies schon für die im vorangegangenen Kapitel unter dem
Stichwort »Placker« gesammelten Dichtungen gilt. Stattdessen zielen Vbert-
werchs Texte auf Nürnbergs politische Autonomie, auf sein Existenzrecht. Die-
ses Recht hatten die Nürnberger freilich nicht nur publizistisch zu verteidigen.
Die Autonomie der Reichsstadt war im 15. und 16. Jahrhundert nicht nur in der
öffentlichen Wahrnehmung gefährdet, sondern sie stand realiter auf dem Spiel:
Mehrfach eskalierten diese Streitigkeiten, so dass sich die Stadt Nürnberg nicht
mehr nur mit einzelnen Fehden konfrontiert, sondern in breite Kriegskampa-
gnen verwickelt sah.

2.3.3. Ein klares Feindbild
Nimmt man die Zahl der politischen Dichtungen als Gradmesser für die Schärfe
des Konflikts um die Meinungsbildung der Zeitgenossen, so erreichte Nürn-
bergs Lage einen ersten negativen Höhepunkt um 1449/50 im ersten Markgra-
fenkrieg, der auch in der chronikalischen Zeugnissen breit und aufmerksam
behandelt und tradiert wurde.^ Doch auch nach seiner friedlichen Beilegung
1453 sollte die »Großwetterlage« in Franken, wie Gerhard Fouquet formuliert
hat, konfliktträchtig bleibend^ Die heftigen Spannungen, in den beiden letzten
Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts immer weiter gesteigert durch die Fehden

211 Ebd., V. 216-223, Zitat V. 213.
212 Vgl. HARRO BLEziNGER, Der schwäbische Städtebund in den Jahren 1438-1445, Stuttgart 1954,
S. 112, S. 116, und Graf, 1993, S. 130.
213 RuDOLF HAGEN, Bilder und Züge aus Nürnbergs Geschichte irrt Übergang vom Mittelalter zur
Neuzeit (1489-1504), Nürnberg 1889, S. 12 ohne Quellenbeleg.
214 Vgl. Kap. 2.2.2.
215 FouQUET, 1996, S. 459. In den Süddeutschen Fürstenkriegen der Jahre 1458 bis 1463 (vgl. dazu
JOACHIM SCHNEIDER, Fegitime Selbstbehauptung oder Verbrechen? Soziale und politische
Konflikte am Beispiel der Nürnberger Strafjustiz und des Süddeutschen Fürstenkriegs von
1458-1463, in: Schriftlichkeit und Febenspraxis im Mittelalter. Erfassen, Bewahren, Verändern,
hg. von HAGEN KELLER, CHRISTEL MEiER und THOMAS ScHARFF, München 1999 (Münstersche
Mittelalter-Schriften 76), S. 219-241, hier S. 223-226), wiewohl um das Nürnberger Fand-
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