Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2. Nürnbergs verschiedene (Er-)Fassungen

Schandtaten und infolge göttlichen Zorn von dort vertrieben worden sei. Die
Juden seien eine /Mes, eine »menschliche Seuche«, die als Bande von
Wucherern, Dieben und Räubern nicht nur nach dem Geld, sondern auch nach
dem Blut der Christen dürste. Um seine Anwürfe noch zu verstärken, verzich-
tet er auch nicht auf die topischen Anklagen des rituellen Kindermords und der
Hostienschändung.
Diese älteren antijüdischen Stereotypen stützen die Akzeptanz der von Cel-
tis postulierten These. Die Berufung auf sie kann jedoch nicht darüber hinweg-
täuschen, dass die von Celtis vertretene Meinung eine neue Qualität besitzt, ja,
mit Caspar Hirschi als Etappe auf dem Weg zu den Rassendiskursen des 19.
und 20. Jahrhunderts zu werten ist 3^ Zum Christentum zu konvertieren und
damit den in den Augen der Christen innewohnenden Makel des Judentums
abzulegen, ist den Juden nach Celtis nicht mehr möglich. Die von ihm kon-
statierte Minderwertigkeit wird als »Volksmerkmal« und somit als angeboren
geschildert, das heißt, jeder Diskussion entzogen und verabsolutiert.

2.4.7. Ungefähr die Mitte Deutschlands
Die fand in der neueren Forschung große Beachtung.^ Das Inte-
resse an ihr resultiert allerdings nicht aus ihrer Bedeutung für die Erfassung
und Beschreibung der Stadt Nürnberg um 1500, sondern aus ihrem Beitrag
zum GemMHM-Diskurs der deutschen Humanisten in dieser Zeit. In seinem
Vorwort - hier zitiert nach der Druckausgabe von 1502 - hatte Conrad Celtis

248 CASPAR HiRSCHi, Wettkampf der Nationen. Konstruktionen einer deutschen Ehrgemeinschaft
an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, Göttingen 2005, s. bes. das Kapitel »Vom Huma-
nismus zum Holocaust?«, S. 489-501, hier S. 501: »Der Humanismus macht es möglich, dass
die modernen Intellektuellen Nationen überhaupt für natürlich gegebene Kollektive halten
können. [...] Der Erfolg des modernen Nationalismus beruht maßgeblich darauf, dass die Na-
tionskonstruktion schon in der Vormoderne stabile Wahrnehmungsmuster geschaffen hat.«
Hirschi betont freilich zugleich, dass diese motivische Kontinuität nicht mit kausalen Zusam-
menhängen zwischen dem humanistischen und dem rassistischen Nationalismus gleichzu-
setzen ist, vgl. ebd., S. 497: »Von der Aussage, dass in den nationalsozialistischen Kult des
deutschen Kämpfervolkes humanistische Motive eingehen, gibt es keine logische Verbindung
zur Aussage, dass der Humanismus den Nationalismus mit verursacht habe.«
249 Als konkretes Nürnberger Beispiel vgl. etwa die Vielzahl der Studien in der jüngeren For-
schung zu der als Kernstück einer »Germania illustrata« geplanten »Norimberga« des Conrad
Celtis, so vor allem CHRisTOPHER B. KREBS, Negotiatio Germaniae. Tacitus' Germania und Enea
Silvio Piccolomini, Giannantonio Campano, Conrad Celtis und Heinrich Bebel, Göttingen
2005 (Hypomnemata. Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben 158); JÖRG ROBERT,
Konrad Celtis und das Projekt der deutschen Dichtung. Studien zur humanistischen Kon-
zeption von Poetik, Philosophie, Nation und Ich, Tübingen 2003, bes. S. 345-352; LuH, 2001;
MÜLLER, 2001. Eine neuerliche Edition des lateinischen Textes der »Norimberga« ist von Klaus
Arnold angekündigt, vgl. auch seine Aufsätze zum Thema: KLAus ARNOLD, Die >Norinberga<
des Konrad Celtis - ihre Entstehung und Aufnahme in Nürnberg, in: Konrad Celtis und Nürn-
berg, hg. von FRANZ FucHS, Wiesbaden 2004 (Pirckheimer-Jahrbuch 19), S. 100-119, und DERS.,
Konrad Celtis und sein Buch über Nürnberg, in: Acta Conventus Neo-Latini Guelpherbytani.
Proceedings of the Sixth International Congress of Neo-Latin Studies, Binghamton, New York
1988, S. 7-15.
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