Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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3. Goldene Zeit oder Krisenzeit?

3.1. Identität und Krise
»Identity only becomes an issue when it is in crisis, when something assumed
to be fixed, coherent and stable is displaced by the experience of doubt and
uncertainty«' - dieser programmatische Satz des Soziologen und Bürgerrecht-
lers Kobena Mercer benennt eine innerhalb der modernen Sozial Wissenschaften
weithin konsensfähige Grundannahme der Interpretation menschlicher und
gesellschaftlicher Identitätsentwürfe. Ursprünglich kein Theorem der Soziolo-
gie, sondern der Individualpsychologie, wurde der Konnex zwischen Identi-
tät und Krise vor allem durch den dänisch-amerikanischen Psychoanalytiker
Erik H. Erikson in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt und etabliert/
Sein klinisches Konzept geht aus von einem Patienten, der den Halt und die
bisher für ihn gültigen Handlungs- und Lebensorientierungen verloren hat.
Die Krisener/ä/irMHg ist damit einerseits als Impuls zu verstehen, der eine Ver-
gewisserung über die Kontinuität und Kohärenz des eigenen Lebensentwurfs
auslöst beziehungsweise überhaupt erst nötig macht. Andererseits wird durch
die K r i se n ? vzoäf ü'y M ny die scheinbar selbstverständliche »Einheit und Nämlich-
keit« des Selbst nicht nur einfach offengelegt, sondern durch aktive, psychische
Synthetisierungs- und Integrationsleistungen als solche erbracht und geformt.
Einem in der Soziologie verbreiteten Dogma zum Trotz, das die »Identität«
zu einem Phänomen genuin moderner Krisenerfahrungen erheben will/ ver-

1 KoBENA MERCER, Welcome to the jungte: identity and diversity in postmodem politics, in:
Identity Community Culture, Difference, hg. von JoNATHAN RUTHERFORD, London 1990,
S. 43-71, hier S. 43. Zur Diskussion des Begriffspaares »Identität und Krise« als Analysekate-
gorie in empirischen Studien zur Vormoderne vgl. CARLA MEYER und CHRISTOPH DARTMANN,
Einleitung, in: Identität und Krise? Zur Deutung vormoderner Selbst-, Welt- und Fremder-
fahrungen, hg. von DENS., Münster 2007 (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche
Wertesysteme 17), S. 9-22, zu ihrer Problematisierung am Beispiel des Nürnberger Städtelobs
im 15. und 16. Jahrhundert vgl. CARLA MEYER, Wie und warum wird städtische Identität zum
Thema? Nürnberg im Städtelob um 1500, in: ebd, S. 119-136.
2 Eine Einführung in Eriksons Modell bieten GERALD C. DAvisoN und JoHN M. NEALE, Klinische
Psychologie, deutsche Bearbeitung hg. von MARTIN HAUTziNGER, 5. aktual. Aufl. Weinheim
1998, S. 42-44, und JunANE NoACK, Erik H. Eriksons Identitätstheorie, Oberhausen 2005 (Päd-
agogik: Perspektiven und Theorien 6), S. 171-218.
3 Eriksons Thesen, so STRAUB, 1998, S. 85, basieren auf einer »erfahrungsgesättigten Vorstel-
lung des radikalen Identitätsverlustes«, die den Identitätsbegriff unweigerlich mit einer Kri-
senerfahrung und psychischen Bearbeitung durch das betroffene Subjekt in Zusammenhang
brachte. Zu Diffusion und Zerfall personaler Identitäten als Krankheitsbilder vgl. JÜRGEN
STRAUB und JoACHiM RENN, Transitorische Identität. Der Prozesscharakter moderner persona-
ler Selbstverhältnisse, in: Transitorische Identität. Der Prozesscharakter des modernen Selbst,
hg. von DENS., Frankfurt am Main, New York 2002, S. 10-31, hier S. 24-27.
4 Im Identitätsdiskurs der Soziologie und der Sozialwissenschaften, dessen Einsetzen im en-
geren Sinn in das frühe 20. Jahrhundert datiert werden kann, verknüpfte man die Krisen-
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