Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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5. Epilog

Alle Städte, so hatte Conrad Celtis 1492 im Vorwort seiner räsoniert,
müssten einmal durch Erdbeben, Feuer und Kriege zugrunde gehen. Dem ge-
schriebenen Wort dagegen komme nichts unter dem Himmel an Beständigkeit
gleich: Seine Lobschrift, das versprach der Dichter den Nürnbergern, werde
ihre Stadt daher dauerhafter schützen als jede Stadtmauer aus Stein.' Uber ein
halbes Jahrtausend später fand der Historiker und Journalist Sebastian Haffner
ein ganz ähnliches Bild: Nürnberg sei nämlich, wie er in einem Feuilletonartikel
aus dem Jahr 1934 schrieb, eine dieser Städte, die »neben ihrer wirklichen, kör-
perlichen, steinernen Existenz eine zweite gewonnen« hätten, »aus einem dich-
teren, unzerreißbareren Stoff gewoben [...] als Stein; sie leben als Klang und
Bild unzerstörbar, unbekümmert darum, wie ihre Wirklichkeit sich wandelt« 3
Im Rückblick klingen beider Worte düster-prophetisch angesichts des
Bombenhagels im Zweiten Weltkrieg. Denn obwohl die steinerne Existenz
Nürnbergs unwiederbringlich ausgelöscht zu sein schien/ blieb in den Köpfen
der Menschen das Bild, der Mythos Nürnberg auch nach »der Stunde Null«
lebendig. Dies bezeugen geradezu verräterisch die ersten Reiseführer der
Nachkriegszeit: Im Merian-Heft aus dem Jahr 1950 etwa ist schon das Titelbild
eine Reminiszenz an die verlorene Butzenscheibenidylle der Stadt/ Es zeigt
eine Vorkriegsfotographie, die durch die geöffneten Fensterläden des Dürer-
hauses den Blick auf die Burg freigibt. Für das gesamte Heft wurden fast aus-
schließlich Bilder der unzerstörten Stadt ausgewählt, auch in den Texten wird
ihre untergegangene Pracht beschworen. Augenscheinlich gibt der Reiseführer
damit Haffners Aphorismus recht, dass Städte wie Nürnberg »nur nebenbei,
nur auf zufällig und gleichgültige Art geographisch-politische Wirklichkeiten«,
hauptsächlich und eigentlich dagegen Legende seien/

1 Vgl. dazu ausführlich S. 28 mit Anm. 64.
2 SEBASTIAN HAFFNER, Rheinsberg, Elegie des Ruhms, in: DERS., Das Leben der Fußgänger. Feuil-
letons 1933-1938, hg. von JÜRGEN PETER ScHMiED, München, Wien 2004, S. 274-281, hier S. 274.
Vgl. dazu BROCKMANN, 2006, S. 2.
3 So berichtete der Nürnberger Stadtrat Heinz Schmeißner 1958 aus der Retrospektive über
die unmittelbare Nachkriegszeit: »Im Jahre 1946 war ernstlich der Gedanke zur Diskussion
gestellt worden, die einst ob ihrer mittelalterlichen Baudenkmale berühmte, von der fast völlig
erhaltenen Stadtmauer umgebene und von der Burg bekrönte, aber nunmehr in Trümmer ge-
sunkene Altstadt wie ein zweites Pompeji liegenzulassen als Mahnmal gegen die Schrecknisse
des Krieges.« HEINZ ScHMEissNER, Der Wieder- und Neuaufbau der Stadt Nürnberg, in: Der
Bau und die Bauindustrie 21,1958, S. 3-14, hier S. 5.
4 Vgl. etwa OTMAR BEST, In der Retorte der Zeit, in: Merian 2,1950, Heft 10, S. 26-31, hier S. 31:
»Die Trümmerlandschaft ist besonders vor der Burg noch fürchterlich. Aber von der Burg selbst
ist Wesentliches wiederhergestellt. Bei besonderen Gelegenheiten werden Burg und Schöner
Brunnen und Kirchen angestrahlt. Dann versinken die Ruinen im Dunkeln, und es heben sich
die alten Bauten ins Licht und zeugen davon, daß Nürnberg doch noch am Leben ist.«
HAFFNER, 2004, S. 274.

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