Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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3. Goldene Zeit oder Krisenzeit?

rigkeitsgefüh) zur Germama, der deutschen Nation/" die Größe gewesen zu
sein, aus der man sein auf die Stadt bezogenes Selbstbewusstsein zog und aus
der man die Argumente für die Selbstbehauptung städtischer Autonomie ab-
leitete. Auch Borgoltes methodische Einwände, mit diesem Fazit Einzelbelege
unzulässig zu generalisieren, lassen sich entkräften, wenn man - im Gegensatz
zu Schmidt und HeimpeE' - diese Quellenaussagen nicht als Zeugen für ein
essentialistisches, in sich kohärentes und dauerhaftes Selbstbild in Anspruch
nimmt. Versteht man sie vielmehr als situationsbezogene Identitätsbehaup-
tungen wie auch die oben dargestellten Feindbilder, so wird klar, dass sie nur
dann aufgerufen wurden, wenn man sie argumentativ auch benötigte - also in
Konfrontationen nach außen wie etwa im Markgrafenkrieg 1449/50.

3.2.3. Zwischen König und Reich
»Die Stadt ist das Reich, wie der König das Reich ist«, so hatte Herrmann Heim-
pel seinen Schüler Heinrich Schmidt gelehrt.^ Wo aber war im Krieg 1449/50 das

fränkische Landesforschung 1), S. 169-191, s. dazu auch PETER FLEiscHMANN, Der fränkische
Reichskreis und die Reichsstädte. Reichsstädte in Franken. Aufsätze, Bd. 1: Verfassung und
Verwaltung, hg. von RAINER A. MÜLLER, München 1987 (Veröffentlichungen zur Bayerischen
Geschichte und Kultur 15,1), S. 115-124.
90 Relativierend ist hier freilich anzufügen, dass das »Reich« in der Vorstellung des 15. Jahrhun-
derts nicht mehr nur universal-ideell, sondern bereits HMÜ; „territorialisiert« verstanden wur-
de, wie die Anreicherung des Titels »Heiliges römisches Reich« durch Zusätze wie feidsc/ie
lande oder feidsc/ie nahon bezeugt, vgl. dazu knapp AMALIE FössEL, Die deutsche Tradition
von Imperium im späten Mittelalter, in: Imperium / Empire / Reich. Ein Konzept politischer
Herrschaft im deutsch-britischen Vergleich. An Anglo-German Comparison of a Concept of
Rule, hg. von FRANZ BosBACH und HERMANN HiERY in Zusammenarbeit mit CHRISTOPH KAMP-
MANN, München 1999 (Prinz-Albert-Studien 16), S. 17-30, zur »Territorialisierung« S. 26, zum
Wandel des Reichstitels S. 30. Beide Vorstellungen schlossen sich jedoch nicht aus, sondern
konnten nebeneinander existieren. In den zitierten Dichtungen ist davon auszugehen, dass
die Autoren den Begriff Reich nicht in Bezug auf ein Territorium, sondern auf ein Werte-
system, Gesellschafts- und Weltmodell benutzten, vgl. dazu die Überlegungen zu »Reich und
König. Idee und Wirklichkeit des Reiches. Papsttum und Kaisertum« von PETER MoRAw, Von
offener Verfassung zu gestalteter Verdichtung. Das Reich im späten Mittelalter 1250 bis 1490,
Berlin 1985 (Propyläen Geschichte Deutschlands 3), S. 149-152.
91 S. dazu etwa das Urteil HEiMPELS, 1951, S. 12, über die Politik Nürnbergs 1360, einem künfti-
gen König erst dann zu huldigen, wenn er auch die Reichsfreiheit für Windsheim und Wei-
ßenburg garantiert habe: »Nürnberg zwingt das Reich zur Wahrung der Reichsrechte über
Windsheim und Weißenburg, eben: Nürnberg ist das Reich.«
92 Heinrich SCHMIDT, 2000a, S. 1, und HEiMPEL, 1951, S. 10, s. dazu bereits oben Kapitel 1.2. S. vor
Heimpel bereits Franz, 1930, S. 46: »Nürnberg als der deutsche Lieblingsaufenthalt Kaiser Ma-
ximilians I. wurde wiederum das, was es seinerzeit unter Rudolf von Habsburg, Heinrich VII.,
Ludwig dem Bayern, Karl IV. und Sigismund gewesen war: der Brennpunkt deutscher Reichs-
politik, eine Art von deutscher Kaiserresidenz. [...] Bei allem Streben nach Selbstständigkeit
war der Reichsgedanke, der Stolz, freiejr] Bürger einer deutschen Reichsstadt zu sein und
nur dem deutschen Kaiser zu unterstehen, trotz allem und allem bei den Nürnbergern des
15. Jahrhunderts stärkstens ausgeprägt.« Im folgenden fragt Franz, ebd., S. 46f., ob dieses
»kraftvolle Reichsbewußtsein [...] ehrlich und ohne Nebenabsichten« zu gelten habe, oder ob
es »im städtischen Opportunismus begründet« lag: Bis weit ins 15. Jahrhundert hält er den
»reichsstädtischen Stolz und [...] ein gewisses Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Kaiser-
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