Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2.2. Stadtchronistik als »Identitätserzählung<

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2.2.3. nü aFUn cm TMc/ierltMc/i son&zm CMc/z cm /dcmc Cronzca
Hans (IV.) Tücher wirkte nicht nur an der Fortsetzung annalistischer Werke
mit, offenbar sammelte er selbst auch historiographische Schriften, dies zeigt
der Eigentumsvermerk Hanns fnc/zcr am Ahfc/zmar/d auf der letzten Seite einer
Handschrift, die unter anderem auch den Bericht über die Kriegshandlungen
gegen den Markgrafen 1449/50 überliefert.^" Sie kursierte damit innerhalb ei-
nes patrizischen Geschlechts, dessen Familienmitglieder für ihr ebenso frühes
- bereits mit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts einsetzendes - wie aus-
geprägtes historiographisches Interesse bekannt sind.""' Als Vergleichsbeispiel
zum amtlichen Archiv des Rates beziehungsweise der Losunger soll daher
das »Familienarchiv« der Tücher vorgestellt werden, wobei dieser Begriff hier
freilich nicht die Vorstellung einer fertig ausgebildeten, an eine feste Fokalität
gebundenen Institution evozieren soll. Zwar pflegte der eüzsf Thc/zer, wie es zu
Beginn eines Inventars mit Regesten wohl beinahe sämtlicher Tucherscher Ur-
kunden vom Anfang des 14. bis ins vierte Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts heißt,
die Originale gesammelt m uermarzmg ze /zHem Eine angehängte Beschreibung
der ergänzend zur Urkundensammlung ebendort Vorgefundenen Manuskrip-
te belegt, dass das Geschlechterarchiv offenbar auch durch historiographische
Werke ergänzt werden sollte.^ Doch da die im Umkreis der Tücher nachweis-
baren Texte in diesem Inventar keineswegs vollständig erscheinen, muss man

Steinlingers Baumeisterbuch von 1452 entnommen sind, vgl. Lutz Steinlinger, Baumeister-
buch, ed. MuMMENHOFF, 1880, S. 45-51, vgl. auch die Handschriftenbeschreibung im Anhang.
160 Vgl. CDS 2, V, S. 116f., Sigle ot, Scheurl-Bibliothek, Nürnberg-Fischbach, ohne Signaturenan-
gabe, Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts., mit Leder überzogener Holzband mit Messing-
beschlägen und Schließen. Auf der Innenseite des Vorderdeckels steht: Das ist das rai/ipHd;, das
dat 44 sexferM. Mit Folio 1 beginnt die Vorrede, der ein Teil der Ordnungen folgt. Mit fol. 130r
beginnt der Kriegsbericht.
161 Schon vom Stammvater der Tücher, Hans Tücher dem Alteren (1368-1425), waren offenbar
mehrere eigenhändige, zumeist jedoch die Vermögensverwaltung betreffende Aufzeichnun-
gen vorhanden. Sie gelten heute als verloren, wurden jedoch von Christoph (II.) Scheurl im
ersten Viertel des 16. Jahrhunderts noch eingesehen, wie Theodor von Kern in den CDS 2, III,
S. 13, Anm. 8, erklärte und in seinem Aufsatz zu den Tucherschen Gedenkbüchern mit dem
Verweis auf Scheurls Collectaneenband F wiederholte, vgl. Theodor von Kern, Das Geschlecht
der Tücher in Nürnberg und seine Gedenkbücher nebst urkundlichen Nachrichten über die
Brüder Berthold und Endres, in: Jahresbericht des historischen Vereins für Mittelfranken 36,
1869/70,S. 120-142, hier S. 121.
162 Scheurl-Bibliothek Nürnberg-Fischbach, Collectaneenband F, fol. 61r-83v, vgl. Handschriften-
beschreibung bei THEODOR voN KERN, in: CDS 2, III, S. 7, ohne Sigle, s. auch ebd., Anm. 3: fa-
WMfaÜMm &r aüca TMc/ien'sdieM Fric/so &r düst Tadier p/ü'gfin wrwarMMg ze i?aFea. Die Beschrei-
bung der im Geschlechterarchiv Vorgefundenen Manuskripte geht nach von Kern größtenteils
auf Hans (I.) Tücher zurück. S. ebd. auch fol. 4r-12v: Nachrichten über Tuchersche Jahrtage,
von Berthold, dem Sohn des Endres Tücher (gest. 1494) angelegt; fol. 14r-39v und fol. 48r-58v:
Abschriften Tucherscher Urkunden (mit wenigen anderen untermischt), fol. 58v-59v: Verse
auf Berthold (I.) Tücher aus dem Jahr 1474. Aus den im Collectaneenband F versammelten
urkundlichen Informationen gewann von Kern größtenteils den von ihm zusammengestellten
Stammbaum der Tücher mit Informationen über Lebensdaten, Ehen und Kinder, vgl. CDS 10,
X, Beilagen, S. 30-34. Zu den familiären Stiftungen, deren Kontrolle ebenfalls dem ältesten
Tücher unterlag, vgl. von Kern, 1869/70; zur Genealogie der Tücher, vor allem auch zu ihrer
Beteiligung am Rat vgl. zuletzt PETER FLEiscHMANN, Rat und Patriziat in Nürnberg. Die Herr-
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