Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

Page: 439
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mf26/0440
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
4. Fazit

4.1. »Warum nicht auch ich?«
Als Helius Eobanus Hessus zu Beginn der 1530er Jahre seine Lfr&s
zHnshafa verfasste, da schien ihm bereits rechtfertigungsbedürftig, weshalb er
der Masse an Lobschriften über Nürnberg eine weitere hinzufügen wollte. Wie
er sehe, so erklärt er nämlich in einem knappen »Literaturüberblick« zu Beginn
seiner Dichtung, hätten bereits viele andere Gelehrte ihre ihre
Nachtarbeiten, dem Rat zugeeignet - als aber hatte Conrad
Celtis seine im Vorwort bezeichnet? Doch nicht nur »jener«, wie
Eobanus ein zweites Mal auf sein Vorbild Celtis anspielt, habe diese Stadt be-
reits in Prosaform verherrlicht. Sogar gewisse sonü&z pmecoMM, armselige Lob-
sprüche, die in volkssprachlichen Schriften veröffentlicht und auf den Gassen
entstanden seien, würden durch das Volk gelesen und des Lobs für würdig be-
funden. Warum aber, so schließt er die rhetorische Lrage an, solle er sich dann
fürchten, seine oirmÜM der Gelobten anzuvertrauen. Da er schon im sechsten
Jahr in Nürnberg vom Gehalt des Rates lebe und ihm dafür zu großem Dank
verpflichtet sei, halte er es für unwürdig, dass er der Stadt bisher kein Werk
namentlich zugeeignet habe?
»Warum nicht auch ich?«, so stellte Eobanus beinahe trotzig fest, und macht
mit dieser Bemerkung deutlich, dass in seiner Zeit längst ein intensiver und
vielstimmiger Diskurs über das Sujet Nürnberg existierte. Die Entstehung und
Verbreitung dieser aus unterschiedlichen Genres erwachsenen Texte nachzu-
zeichnen und zu einem Gesamtbild zusammenzufügen war die Aufgabe der
vorliegenden Studie. Sowohl in der Historiographie als auch im Bereich der
synchronen Stadtbeschreibungen ist der Anfangspunkt für dieses Interesse an
der Stadt in die Mitte des 15. Jahrhunderts zu datieren. Insbesondere die Er-
fahrungen im Ersten Markgrafenkrieg 1448/49 waren - weit über Schürstabs
Kriegsbericht hinaus - ein zentrales Stimulans für den Anstieg der städtischen
Chronistik, die sich ab den 1460er Jahren zu einer regen annalistischen »Sze-
ne« aus wuchs? Zugleich erlebte schon im Jahrzehnt zuvor das Nürnberglob

1 Conrad Celtis, Non'mNrga, ed. WERMiNGnoFF, 1921, S. 104.
2 Helius Eobanus Hessus, U?üs Non'Nrga iNMsfnda, ed. VREDEVELD, 1990, S. 183-266, V. 49-55, s.
auch schon mit ähnlichen Aussagen die Prosaeinleitung ebd., S. 192, und V. 137-153 mit einem
»Dichterkatalog« der Autoren, die Eobanus als Repräsentanten der Gattung Städtelob wür-
digt, so Ausonius, Sidonius, Busche und nochmals Celtis, den er als magis diMSÜr bezeichnet.
3 Vgl. dazu zusammenfassend Kap. 3.2.2. Dass es sich nicht um eine spezifische Nürnberger
Tendenz, sondern ein für die Städte des Reichs verallgemeinerndes Phänomen handelt, legt
der Uberblicksartikel von Klaus Garber nahe, in dem er das »literarische Erwachen der städti-
schen Mittelschichten in eins mit der machtvollsten Entfaltung der Stadt« in die Zeit zwischen
1450 und 1550 datiert, vgl. KLAus GARBER, Literatur in der Stadt - Bilder der Stadt in der Lite-
loading ...