Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

Page: 102
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mf26/0103
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
102

2. Nürnbergs verschiedene (Er-)Fassungen

der Glanzzeit Nürnbergs unter Kaiser Karl IV. Außerdem fand in Antons (II.)
Regierungszeit die Erweiterung des Großen Rathaussaales statt, der mit einer
Tonne überwölbt und nach Entwürfen Dürers und Willibald Pirckheimers aus-
gemalt wurdet 1516 hatte Dürer bereits die Ausmalung der Ratsstube über-
nommen. Als Pfleger von St. Sebald gab Anton (II.) außerdem 1507 dem Erzgie-
ßer Peter Vischer den Auftrag für eines der bedeutendsten Messinggusswerke
der Zeit, das Gehäuse des 1519 durch seine private Initiative vollendeten Grab-
mals für den Nürnberger Stadtpatron Sebaldus.^

2.2.4. Historiographie im Umkreis der Familie Tücher
Das Interesse der Tücher an der Stadt und ihre Identifikation mit Nürnberg
sind aber nicht nur in den Werken der bildenden Kunst, die in ihrem Auftrag
entstanden, sondern ebenso in den historiographischen Schriften aus ihrem
Umkreis manifest.^ Der Überblick fällt hier schwerer als bei den von ihnen
gestifteten Kunstwerken: Häufig fehlt ein konkreter Besitzvermerk, wie er für
die oben genannte Handschrift mit den Texten zum Markgrafenkrieg 1449/50
angeführt werden konnte. Die Verbindung mit der Familie ist daher teilweise
nur aus dem Inhalt, aus Anspielungen auf oder Berücksichtigung von famili-
ären Ereignissen und Notizen erschließbar. Doch nicht nur deshalb ist das von

231 Für Quellen zur Rekonstruktion der Wandmalereien Dürers im Innern sowie an der Fassade
des Nürnberger Rathauses von 1521 vgl. MENDE, 2000a, S. 224-241, Kat.Nr. 36-42 mit Abb.
232 Vgl. GROTE, 1961, S. 51f. Zugleich verliehen die Tücher ihrer herausragenden Stellung in der
Stadt auch durch ein umfangreiches privates Mäzenatentum Ausdruck, vgl. vor allem WIL-
HELM ScHWEMMER, Das Mäzenatentum der Nürnberger Patrizierfamilie Tücher, in: Mittei-
lungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 51, 1962, S. 18-59, und GROTE, 1961,
S. 55-77. Vgl. auch allgemein PETER FLEiscHMANN, Stiftungen in der Reichsstadt Nürnberg,
in: Stiftungen gestern und heute. Entlastung für öffentliche Kassen? Atzelsberger Gespräche
2005, hg. von HELMUT NEUHAus, Erlangen 2006 (Erlanger Forschungen A110), S. 95-132. Dass
sich die Mehrzahl ihrer kostbaren Stiftungen in den Kirchen Nürnbergs und der Umgebung,
darunter der ebenfalls von Anton (II.) 1516/17 in Auftrag gegebene berühmte »Englische
Gruß« des Veit Stoß in St. Lorenz (vgl. GROTE, 1961, S. 65-67, Abb. 30-34) ohne größere Schä-
den erhielten, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Dr.-Lorenz-Tucher-Stiftung. Zugleich eine
karitative Einrichtung zur Unterstützung Bedürftiger, wurden aus ihrem Vermögen im Lauf
der Jahrhunderte auch immer wieder Mittel zur Restaurierung und Erhaltung der Tucher-
Monumente aufgebracht. Vgl. WiLHELM ScHWEMMER, Dr. Lorenz Tücher (gest. 1503) und seine
Familienstiftung, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 63, 1976,
S.131-144.
233 Vgl. dazu auch das verallgemeinernde Urteil von JÖRN REICHEL, Der Spruchdichter Hans Ro-
senplüt. Literatur und Leben im spätmittelalterlichen Nürnberg, Stuttgart 1985, S. 165: »Die
literarischen Erzeugnisse der Geschlechter gehören bis auf wenige Ausnahmen nicht in den
Bereich der fiktionalen Literatur, sondern konzentrieren sich auf Geschlechterbücher, Fami-
liengeschichten, Autobiographien und chronikalische Aufzeichnungen, in denen Stadtge-
schichte untrennbar mit der eigenen Genealogie verknüpft wird. In dieser aus persönlichen
Aufzeichnungen herauswachsenden städtischen Geschichtsschreibung, die zur Domäne der
Oberschicht wird, dokumentieren sich aristokratisches Standesbewußtsein, Familienstolz und
Verbundenheit der Geschlechter mit der Stadt. [...] Die Identifikation der patrizischen Famili-
en mit der Stadt und ihrer Geschichte war für die Stadtaristokratie ein wesentliches Element
ihres Selbstverständnisses, das in chronikalischer Literatur Bestätigung suchte.«
loading ...