Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2. Nürnbergs verschiedene (Er-)Fassungen

2.2.2. Zwischen amtlichem Dokument und historiographischer Notiz
Das Amt der so genannten »Kriegsherren« kann als bedeutendes Beispiel da-
für gelten, dass sich die Regierung und Organisation der Stadt immer stär-
ker von einzelnen Aufgaben, die der Rat als zentrales Gremium auf Zeit an
konkrete Personen vergab, in inhaltlich fest umrissene, ständige und damit
transpersonelle Ämter ausdifferenzierte. Noch am Ende des 14. Jahrhunderts
wurden einzelne Personen nur für konkrete Kriegsfälle oder zur Durchfüh-
rung einzelner Fehden beauftragt. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
dagegen führte die Häufigkeit kriegerischer Verwicklungen und die Notwen-
digkeit, Söldnerwesen und Kriegsgerät immer einsatzbereit zu halten, zur Er-
richtung eines ständigen Ratsamtes.^ Zwar verblieb die Entscheidung über
Krieg und Frieden und die oberste Kriegsleitung in der Hand des Gesamt-
rates, doch die Verwaltung der Kriegsmittel, die Leitung des Nachrichten-
wesens und die Sicherheitspolizei im Landgebiet überließ er der Kommission
der »Kriegsherren«.^
Zum neuen Amt gehörte ein eigenes Büro, die Kriegsstube im Rathaus, die
am Ende des 15. Jahrhunderts auch mit einem Schreiber besetzt war. Hier wur-
de die Korrespondenz mit den Führern der Feldtruppen abgewickelt, sofern
die Kriegsherren nicht selbst an den Zügen teilnahmen. Anhand dieser Berich-
te und anderer Akten sowie aufgrund offenbar persönlicher Aufzeichnungen
wurden Kriegstagebücher angelegt, die in größerer Zahl erhalten sind7" Pitz
bezeichnet sie als Denkschriften, die neben berichtenden Passagen auch po-
litische Aktenstücke wie Verzeichnisse der Gegner und ihrer Absagebriefe an
die Stadt, Angaben über ihre Personalien, Wappen und Streifzüge, Listen der
Söldner in Nürnberger Diensten, der Gefangenen, der für die Truppen wie in
der Stadt allgemein angelegten Vorräte, der von den Bürgern der Stadt auf-
gebrachten Waffen, Wagen und Pferde, Kriegsordnungen, Schadenslisten und
vieles mehr beinhalten konnten.
Die früheste bekannte Darstellung dieser Art ist ein anonym verfasster
Bericht über den Städtekrieg der Jahre 1388/89. Der umfangreichste Bericht
stammt aus der Feder des Ratsschreibers Lazarus Spengler und berichtet über
den Bayerischen Erbfolgekrieg von 1504A Spenglers Chronik, 1508 angefertigt,
ließ sich der Rat 200 Gulden kosten:^ Die hohen Ausgaben korrelieren mit der
großen Bedeutung des Krieges für die Stadt Nürnberg, die ihre erheblichen
Gebietszuwächse durch historische wie juristische Festschreibung zu sichern
suchte. Spengler hatte sich für dieses Auftrags werk schon sechs Jahre zuvor
durch die Redaktion eines Werks über die Fehde Nürnbergs gegen Kunz Schott

88 Vgl. PiTz, 1959, S. 216f.
89 Vgl. ebd., S. 216.
90 Aufstellungen der überlieferten Kriegsbücher mit Verweis auf Editionen, so vorhanden, in
ebd., S. 218f.
91 Beide Texte sind nicht ediert. Vgl. ScHMiED, 1979, S. 190, mit Anm. 483, und S. 190f., mit
Anm. 490-493.
92 Vgl. ebd., S. 190.
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