Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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1.1. Ikone deutscher Größe

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1.1. Ikone deutscher Größe
Der nicht nur in Deutschland gefeierte, sondern auch international ausgezeich-
nete Film »Triumph des Willens« von Leni Riefenstahl, als Verherrlichung des
Reichsparteitages der NSDAP im Jahr 1935 entstanden, zeigt Nürnberg als
Inszenierung:^ Zu wagnerianischen Fanfaren beginnt der Film mit dem Flug
des »Führers« in einer JU-52 über »Alt-Nürnberg«; die Kamera im Cockpit glei-
tet über Wolkenberge, bevor sich der Blick auf die Kaiserburg und das Häuser-
meer öffnet. Die prominenteste Sicht auf die Stadt platzierte die Regisseurin am
»zweiten Tag« erzählter Zeit: Noch bevor die Hundertschaften der Hitlerjugend
aus ihren Zelten krabbeln, so suggeriert die Schnittfolge des von Riefenstahl
ohne Rücksicht auf das ursprüngliche Parteitagsprogramm neu montierten
»Dokumentarfilms«/ präsentiert sich die menschenleere Stadt in der Morgen-
dämmerung. »Alte Plastiken - Brunnen - Erker - unerschöpfliche Motive«/
notierte Leni Riefenstahl in ihrem 1935 publizierten »Buch zum Film«. Durch
Butzenscheiben zeigt die Kamera den Blick auf verwinkelte Gassen und steile
Pultdächer, vor den Fensterläden bauschen sich Hakenkreuzfahnen im Wind.
Riefenstahls Film spielte mit einem Klischee, das schon der nationalso-
zialistische Stadtrat Nürnbergs im Kampf um den Zuschlag für die Reichs-
parteitage gegen Mitbewerber wie die die »Führerstadt« München bemüht

7 LENi RiEFENSTAHL (Regie), Triumph des Willens. Dokumentar-Film über den 6. Reichspar-
teitag der NSDAP in Nürnberg vom 4. bis 10. September 1934. Tonfilm s/w, 114 Minuten,
Deutschland 1935. Kamera: Sepp Allgeier, Walter Frentz, u. v. a. Uraufführung am 28. März
1935 im UFA-Palast am Zoo, Berlin. Vgl. Filmskript aus DAvm CALVERT SMim, Triumph of the
will. A film by Leni Riefenstahl, Richardson, Texas 1990 (Chronicle Film Script Series), auch
verfügbar über URL: http://www.geocities.com/emruf4/triumph.html (11. Dezember 2008).
Eine ausführliche Dokumentation der Dreharbeiten, des hohen personellen und technischen
Aufwandes am Set in Nürnberg und beim Schnitt besorgte Riefenstahl selbst im bebilderten
»Buch zum Film«: LENi RiEFENSTAHL, Hinter den Kulissen des Reichsparteitagsfilms, München
1935. Für eine Analyse der Filminhalte und ihres historischen Kontexts sowie für Informatio-
nen zu Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Films vgl. LuTz KINKEL, Die Scheinwer-
ferin. Leni Riefenstahl und das »Dritte Reich«, Hamburg, Wien 2002, S. 62-88, BROCKMANN,
2006, S. 190-200, und STEVEN BACH, Leni. The Life and Work of Leni Riefenstahl, New York
2007, S. 123-140. Zur Idee und organisatorischen Abwicklung wie auch zur medialen Prä-
sentation und internationalen Wahrnehmung der Nürnberger Reichsparteitage vgl. zuletzt
MARKUS URBAN, Die Konsensfabrik. Funktion und Wahrnehmung der NS-Reichsparteitage,
1933-1941, Göttingen 2007.
8 Vgl. Erläuterungen Riefenstahls im »Buch zum Film«, RiEFENSTAHL, 1935, S. 28, unter der
Überschrift »Die endgültige Form«: »Die Formung beginnt. Als >eigenwillig< - würde ein
Beobachter sie wohl beurteilen, der mit dem Original-Programm des Parteitages hinter mir
stände. Ich komponiere den Parteitag aus der Fülle der Wirkungsmotive, wie sie mir von der
Leinwand her ins Auge springen. Es kommt nicht darauf an, daß alles chronologisch richtig
auf der Leinwand erscheinen soll. Die Gestaltungslinie fordert, daß man instinktiv, getragen
von dem realen Erlebnis Nürnbergs, den einheitlichen Weg findet, der den Film so gestaltet,
daß er den Hörer und Zuschauer von Akt zu Akt, von Eindruck zu Eindruck überwältigender
emporreißt.« Vgl. auch Abb. S. 104 und 105: Riefenstahl bei der Sichtung der 120.000 Meter
Filmmaterial.
9 Vgl. Erläuterungen Riefenstahls im »Buch zum Film«, RiEFENSTAHL, 1935, S. 22 unter der Über-
schrift »Freitag, den 7. September«; vgl. auch Abb. S. 34-35.
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