Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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3.2. Äußere Gefahren

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Solche provokativen Attacken auf den Leumund der Nürnberger scheinen
ihr Ziel nicht verfehlt zu habend Wie viel dem Rat in diesen Konflikten die
eigene Integrität galt, wird angesichts der festen Topik nachvollziehbar, durch
die das städtische Regiment in prostädtischen Texten mit den Attributen der
Weisheit, Gerechtigkeit, Wahrheits- und Friedensliebe ausgezeichnet wird. Als
Beispiel für diese Stilisierung seien hier nochmals Sachsens oben bereits zitierte
Meisterlieder angeführt: Der Reichsadler vulgo der Nürnberger Rat wird dar-
in flankiert von vier Fräulein, die durch ihre Attribute als Herrschertugenden
erkenntlich sind. Das erste dieser Fräulein, in Weiß gekleidet, berät den Vogel,
wie er sein Nest behüten könne. Wie der Leser im zweiten Meisterlied erfährt,
steht die Dame für die Weisheit der Stadt Nürnberg. Das zweite Fräulein, grün
gekleidet, trägt Waage und Schwert, es ist also Sinnbild für Nürnbergs Gerech-
tigkeit. Das dritte Fräulein, gekleidet in blau, trägt die Sonne und blendet damit
feindliche Raubvögel. Es repräsentiert die Wahrheit, die die falschen Vorwürfe
von Nürnbergs Feinden ans Licht bringt. Als vierte Allegorie schließlich wählte
Sachs nicht die Friedensliebe, wie sie bei seinen Dichterkollegen zumeist be-
schworen wird. Stattdessen ist sein viertes Fräulein geharnischt und mit einem
Hammer gewappnet, es steht also für Nürnbergs militärische Stärke.^

3.2.2. Der Erste Markgrafenkrieg 1449/50 als Schlüsselerlebnis
In der Tat sollte Nürnberg seine Verteidigungsanlagen und Truppen im Verlauf
des 15. und 16. Jahrhunderts immer wieder bitter nötig haben. Welche publizis-
tische Breitenwirkung die beiden so genannten »Markgrafenkriege« jeweils in
der Mitte des 15. und des 16. Jahrhunderts sowie die Schlacht bei Affalterbach
1502 bewirkten, zeigt die politische Dichtung.^ Die stärkste Strahlkraft in ganz
unterschiedliche Genres und die größte Vorbildwirkung für die Beschreibung
späterer Vorfälle entwickelte dabei jedoch der Erste Markgrafenkrieg in den

fahre als den Genf, die sied HMcd odgemeifer dezwMMgMMS wider ergeben WMsieM.' 200 000 Gulden
hätten sie verloren und darüber hinaus erdulden müssen, dass man heu oLisün dMrgerwais-
fcrn die Köpfe abgeschlagen habe. Zum biographischen Kontext von Ludwigs Hasstirade auf
Nürnberg vgl. RABELER, 2006, S. 311-314: Nicht nur während des Landshuter Erbfolgekrieges,
sondern auch während der Entstehungszeit der »Geschichten und Taten« darf das Verhältnis
Ludwigs von Eyb zur Stadt Nürnberg als sehr angespannt bezeichnet werden. Dies ergab sich
zum einen aus seiner Funktion als oberpfälzischer Viztum und den damit verbundenen Kon-
flikten mit Nürnberg. Zum anderen bildete Ludwigs Burg Hartenstein (bei Velden gelegen) ab
1505 gewissermaßen eine »Enklave« im beträchtlich erweiterten Nürnberger Landgebiet, was
ebenfalls zu zahlreichen Streitigkeiten führte.
25 S. oben Kapitel 2.3.2. zum Schmählied auf Nürnberg aus dem markgräflichen Lager über den
Prozess, den die Ratsherren gegen einen ihrer höchsten Würdenträger, den des Amtsmiss-
brauchs und Hochverrats angeklagten Vordersten Losunger Anton Muffel, führten: Der unter
dem Pseudonym HeiMfz Idderiwered agitierende unbekannte Autor nutzte ihn, um Muffel als
unschuldiges justizopfer, den Rat der Stadt Nürnberg jedoch als korrupte, macht- und habgie-
rige Verbrecherbande zu verunglimpfen.
26 Vgl. iieidicd dn?Mwi, ed. KuGLER, 1978, S. 85-89, V. 51-72, und HM/scdiMss des dn?Mwis, ebd., V. 51-
75.
Vgl. Kap. 2.3.3. bis 2.3.5.

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