Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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3.3. Innere Konfliktherde

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strahlender Retter der Stadt, die Vorgeschichte des Thronstreits als Auslöser
dagegen ist vollständig getilgt.
Mit dem Nürnberger »Schembart« jedoch ist ein weiteres »Medium« an-
gesprochen, über das die Erinnerung an den Aufstand 1348/49 transportiert
und instrumentalisiert werden konnte."" Die jährlichen Fastnachtsbräuche des
Zämertanzes und des Schembartlaufs seien, so berichtet auch Meisterlin, nach
dem Ende des Aufstands von Karl IV. an die beiden Handwerke der Metzger
und Fleischhacker als Belohnung für ihre Treue zum alten Rat verliehen wor-
den." Bei diesem öffentlichen Tanz und Maskenumzug handelt es sich also in
der Nürnberger Memoria ganz offenbar um ein Relikt aus der Zeit der Zünf-
te."^ Doch wie eng hat man sich die Verknüpfung zwischen Brauch und Erin-
nerung vorzustellen?

3.3.3. Der inszenierte Aufstand
Breitere Darstellung erfuhren die Fastnachtsbräuche des Zämertanzes und des
Schembartlaufs nicht in der Historiographie, sondern in der Spruchdichtung.
1518 verfasste der Meistersinger Lienhart Nunnenbeck, der Lehrer von Hans
Sachs, einen Spruch über den Zämertanz,"" der möglicherweise eine Auftrags-

RoLLER, Der Nürnberger Schembartlauf. Studien zum Fest- und Maskenwesen des späten Mit-
telalters, Tübingen 1965 (Volksleben 11), S. 204f., vgl. bes. S. 204: Nacd dem die Ztm/Jt die stad
einsamen / Und setzten einen Nenen rnti? / kbn den gemeinen ans der statt / Vdi dandtwerctrsientt ans
der Scdmidt ZMp/Jt / Die derrsedten mit Ciainer kbrnnn^ / Mitt uiii ungeimriieden saeden J...J. Für ein
Verzeichnis der tradierten Schembartbücher vgl. ebd., S. 230-236, und KÜSTER, 1983, S. 30-40.
92 Zur Deutung der Nürnberger Fastnachtsbräuche als »herrschaftsstabilisierendes Kulturele-
ment« angesichts ihrer von den Eliten kontrollierten Ventilfunktion für die niederen Schichten
vgl. INGMAR TEN VENNE, Die Nürnberger Fastnachtskultur des 15. Jahrhunderts als kultureller
Ausdruck einer autoritären Ratsherrschaft, in: Economie, politique et culture au Moyen Age:
Actes du Colloque Paris, 19 et 20 mai 1990, hg. von DANiELLE BuscHiNGER and WoLFGANG SriE-
woK (Wodan: Recherches en litterature medievale 5), Amiens 1991, S. 175-190.
93 Die rühmliche Rolle der Metzger wird in Meisterlins Aufstandsbericht mehrfach hervorge-
hoben: Nur ihre Gruppe nämlich habe sich dem Aufruhr von Anfang an nicht angeschlossen,
sondern die Ratsmitglieder sogar vor der Gefahr gewarnt. Am Ende steht daher ihre Beloh-
nung durch Karl IV.: Es gaF HMcd CaroiMS aM/ die zeit efiicii Mud FesMmfer sedimdeit den
/rMmew mefziem, die sie nocd daivM Mud uor Eastwacdt in FesMMdem spiiew erzaigew, dardMrcd sie ge-
preist werden ais gctrcwc/Adsamc man gegen einem rate, vgl. Meisterlin, Chronik der Reichsstadt
Nürnberg, ed. CDS 3, VI, S. 154.
94 ROLLER, 1965, S. 25 und S. 33, vertritt die Hypothese, dass der Zämertanz - obwohl erst für das
Jahr 1397 erstmals belegt - bereits vor dem Aufstand 1348/49 ausgeübt worden sei, danach aber,
als der Rat das Brauchtum der Handwerke stark beschnitt, von neuem bestätigt worden sei.
95 Lienhard Nunnenbeck, Ein sedonner sprned uon dem tanz so /eriied die jM/scddacder in Niirm-
Ferg uerdrmgOM, unikal überliefert in der Chronik Staatsarchiv Nürnberg, Rep. 52a, Nr. 70,
fol. 177v-180v, von Klesatschke auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert, ed. Lienhard
Nunnenbeck, Die Meisterlieder und der Spruch. Edition und Untersuchungen, hg. von EvA
KLESATSCHKE, Göppingen 1984 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 363), Nr. 48, S. 330-334,
Wort- und Sachkommentar S. 420f. sowie eine ausführliche Interpretation S. 580-595, Datie-
rung ebd., S. 586. Zu den Fastnachtsbräuchen in Nürnberg allgemein vgl. SAMUEL C. KiNSER,
Presentation and representation: carnival at Nuremberg, 1450-1550, in: Representations 13,
1986, S. 1-41.
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