Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2.3. Politische Dichtung und städtisches »Image'

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berg plötzlich zu überfallen und zu belagern. Das Recht des Stärkeren hatte
sich also nicht nur realiter durchgesetzt. In den politischen Dichtungen der Zeit
scheint es auch stillschweigend akzeptiert worden zu sein.
2.3.6. pzj? das mf/dn wirf Mmiwr gan
Im Jahr 1576, 20 Jahre nach seiner Entstehung, sollte Hans Sachsens eben er-
wähntes Gedicht über Albrechts düstere »Himmelfahrt« in den Hades'^' ein
ebenso düsteres Nachspiel erfahren. Denn auf der Suche nach diesem Spruch-
gedicht hatte der Rat just am Tag nach dem Tod des berühmten Dichters eine
Hausdurchsuchung bei seinen Erben angeordnet. Zwar war Sachs wegen sei-
nes vehementen Einsatzes für die lutherische Sache schon zu Lebzeiten mehr-
fach mit der reichsstädtischen Zensur in Konflikte geraten, zeitweise hatte man
ihm sogar Schreibverbot erteilt.^ Doch im Gegensatz zu seinen reformatori-
schen und antipäpstlichen Versen war die »Himmelfahrt« des Markgrafen nie
gedruckt und weiter verbreitet worden. Stattdessen schnitten die Zensoren den
Text aus dem privaten Spruchbuch des verstorbenen Dichters. '^' Sachsens Lied
ist jedoch nur ein besonders drastisches Beispiel unter vielen dafür, dass die

371 Ed. Hans Sachs, Werke 23, ed. VON KELLER, GoETZE, 1895, S. 113-121.
372 Vgl. etwa MÜLLER, 1959, S. 89f., HARTMUT KuGLER, Die Stadt im Wald, in: Hans Sachs - Stu-
dien zur frühbürgerlichen Literatur im 16. Jahrhundert, hg. von THOMAS CRAMER und ERIKA
KARTSCHOKE, Bern, Frankfurt a. M. 1978 (Beiträge zur Alteren Deutschen Literaturgeschich-
te 3), S. 83-103, hier S. 100, und HoRST BRUNNER, Hans Sachs und Nürnbergs Meistersinger,
in: Hans Sachs und die Meistersinger in ihrer Zeit. Eine Ausstellung des Germanischen Na-
tionalmuseums im Neuen Rathaus in Bayreuth, 26. Juli bis 30. August 1981, hg. von JOHAN-
NES KARL WiLHELM WiLLERS, Neustadt a. d. Aisch 1981, S. 9-24, hier S. 12f. Besonders scharf
waren Sachsens deutsche Verse zu einem antipäpstlichen Pamphlet des Nürnberger Predigers
Osiander aus dem Jahr 1527, vgl. ebd., Nr. 131, S. 161. Der Rat, der vielfach politische Rück-
sichten zu nehmen hatte, ließ die Schrift sofort einziehen und erteilte Drucker, Herausgeber
und Dichter einen scharfen Verweis. Diese Angelegenheit blieb nicht die einzige Begegnung
des Hans Sachs mit der Zensur. So wurden in den 1550er Jahren die Aufführung zweier seiner
Stücke verboten, vgl. ebd., Nr. 134, S. 161.
373 Obwohl Hans Sachs dieses satirische Gedicht niemals publizierte, hatte der Rat dennoch
Kenntnis von seiner Existenz und ließ es bei seinen Erben beschlagnahmen. Nach Angaben
der Ratsverlässe vom 20. Januar 1576 wusste man von mehreren Satiren, die N/i/wr Ndü an den
tag /wiwiwcii, aned mcM gut wem, das soiede weder gefrac/d wurden, ed. GERHARD HmscHMANN,
Archivalische Quellen zu Hans Sachs, in: Hans Sachs und Nürnberg. Bedingungen und Pro-
bleme reichsstädtischer Literatur. Hans Sachs zum 400. Todestag am 19. Januar 1976, hg. von
HoRST BRUNNER, GERHARD HmscHMANN und FRiTz ScHNELBÖGL, Nürnberg 1976 (Nürnberger
Forschungen 19), S. 14-54, hier S. 54, Nr. 75. Im elften Band der handschriftlichen Spruchbü-
cher von Sachs sind noch heute die Spuren der herausgeschnittenen vier Blätter zu sehen, nur
der Anfang der Dichtung hat sich dort erhalten, vgl. WiLLERS, 1981, Nr. 137, S. 165. Zugleich
zeigt sich an diesem Gedicht, dass der Rat trotz seiner rigiden Vorgehensweise kaum Erfolg
hatte. So konnte Dieter Merzbacher die dichte Streuüberlieferung von bisher zehn Abschrif-
ten der Reimrede in Nürnberger Chronikhandschriften nachweisen, vgl. DiETER MERZBACHER,
Zur Überlieferung des Spruchgedichts »Gesprech von der himelfart margraff Albrechtz« von
Hans Sachs in Nürnberger Stadtchroniken, in: Litterae ignotae. Beiträge zur Textgeschichte
des deutschen Mittelalters. Neufunde und Neuinterpretationen, hg. von ULRICH MÜLLER,
Göppingen 1977, S. 135-142, hier S. 135f.
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