Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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3. Goldene Zeit oder Krisenzeit?

3.3.5. Vom Streben nach Adelsbürtigkeit
Im März 1526 überreichte der »Reichsherold« Georg Rixner dem Nürnberger
Rat ein eigenhändig geschriebenes Exemplar mit der Schilderung des so ge-
nannten »Nürnberger Turniers« von 1198. Darin hatte er unter den Namen der
insgesamt von ihm berücksichtigten 39 Familien 15 im Jahr 1526 blühende Rats-
familien angeführt, bei denen es sich mit Ausnahme der Rieter nur um Ange-
hörige der alten Geschlechter handelte.^ Für Fotte Kurras, die den genannten
Codex im Jahr 1983 beschrieb, lag der machtpolitische Impetus dieser Auswahl
daher klar auf der Hand: Das Rixner sehe Turnier von 1198 in den Nürnberger
Chroniken des 16. Jahrhunderts sei einzureihen in die Bemühungen des Patri-
ziats um Konsolidierung ihres Rangs als allein herrschaftsfähige Geschlech-
ter.^ Doch Kurras' Deutung bezieht sich allein auf den dem Rat dedizierten
Auszug, dessen Einbettung in das Gesamtwerk schenkte sie dagegen keine Be-
achtung. Dieser Rahmen jedoch legt nahe, dass die mit der Turnierschilderung
für 1198 beabsichtigte integrative Funktion nicht primär auf die Institution des
Rates zielte, der als solcher auch völlig ungenannt bleibt. Stattdessen sollte,
wie ich im Folgenden belegen möchte, das fiktive Turnier die Nürnberger Ge-
schlechter in den Add integrieren. Die Intention seines Buches statu-
ierte Rixner in der Vorrede: Es sei dem gmüzcn Tddsdzcn Add / ZMO / ere und
ei/Mcr Gesundem zierde gewidmet und diene dazu, das znm ersten anznzei/gen und
znunssen uon ndfen / mas Ade/ sei/ / une der dedrommen / une der gedranedf / unn in
niesen uor zergeng/dddei/f / dedaüen werden sdf
Mit der Turnierfähigkeit der Geschlechter rückte der Autor ein Adels-
kriterium in den Mittelpunkt, das gerade seit der zweiten Hälfte des 15. Jahr-
hunderts in der öffentlichen Wahrnehmung eine gewichtige Rolle spielte.^
Insbesondere für den nichtfürstlichen Niederadel im Südwesten des Reichs,
der im 16. Jahrhundert den Status der reichsunmittelbaren »Reichsritterschaft«
erringen sollte,spielte das Turnier für die Selbstvergewisserung wie auch die
rechtliche und politische Positionierung eine zentrale Rolle, indem es die Ein-
heit des Adels und den Anspruch auf Ebenbürtigkeit mit den Fürsten demons-
trieren sollte.^ Doch nicht nur für den Schulterschluss nach »oben«, auch zur
Abgrenzung nach »unten« hatte sich der alte Ritteradel zu Turniergesellschaf-

163 Vgl. KuRRAs, 1982, S. 342. In der Abschrift für Haller wurden als vierzigste die Pfinzing einge-
fügt, im Erstdruck von 1530 kamen neu die Kress hinzu.
164 KuRRAs, 1982, S. 342, zur Beschreibung des Codex vgl. dies., 1983, S. 29.
165 Georg Rixner, Turnierbuch, fol. 2r. Breiten Raum schenkt er der Frage, was Add so/, und dass
man ihn weder durch das ad dcAowwoi noch durch rdüddamm, sondern md der daiidf dm
sddaddoi, das heißt, da red fagtrd aaa maado/f erwerbe, vgl. ebd., fol. 3r-7v.
166 Vgl. etwa MEYER, 1928, S. 50-52, SriEss, 2001, bes. S. 15f.
167 Vgl. KuRT ANDERMANN, Art. Reichsritterschaft, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 7, München
1995, Sp. 636f.
168 Vgl. KRIEG, 2001, S. 99-101, mit weiterer Forschungsliteratur, und WERNER MEYER, Turnierge-
sellschaften. Bemerkungen zur sozialgeschichtlichen Bedeutung der Turniere im Spätmittel-
alter, in: Das ritterliche Turnier im Mittelalter. Beiträge zu einer vergleichenden Formen- und
Verhaltensgeschichte des Rittertums, hg. von JosEF FLECKENSTEIN, Göttingen 1985 (Veröffentli-
chungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 80), S. 500-512.
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