Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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4.Fazit

der Anfang, auch das Ideal konnte zum Argument werden, um weitere Ent-
wicklung auszuschließen, um die bestehenden Ordnungen und Hierarchien
zu festigen.

4.3. Identitätspolitik versus Arkanpolitik
Identität wurde in dieser Studie nicht als mitunter explizierte, aber ebenso
im stillschweigenden Konsens fortdauernde »Essenz« begriffen, sondern als
stets zu aktualisierender Diskurs.^ Diese Vorstellung rückte damit nicht nur
die Situationsbedingtheit der Identitätsäußerungen in den Mittelpunkt. Sie
stellt auch zwangsläufig die Frage nach deren Produzenten und Rezipienten,
die demnach als konkrete Akteure mit Gestaltungswillen verstanden werden
müssen. Mit dieser Frage untrennbar verbunden ist wiederum die Analyse der
Machtprozesse, die hinter den Identitätserzählungen stehen. Welchen Kreisen
innerhalb Nürnbergs, so soll daher zum Schluss zusammenfassend gefragt
werden, gelang diese Produktion und permanente Aktualisierung einer ge-
meinsamen Identität? Pointierter formuliert: Wer nahm die Deutungsmacht im
Kollektiv »Nürnberg« für sich in Anspruch?
Die überwiegende Mehrzahl der innerhalb der Stadt kursierenden Zeug-
nisse, zu denen ein Autorenname bekannt ist, stammt entweder aus der Feder
von Angehörigen der städtischen Oberschicht - im Fall des Kriegsherrn Erhärt
Schürstab oder des Vordersten Fosungers Ruprecht Haller aus den höchsten
Rängen der Amterhierarchie -, oder ist in eng mit ihnen verbundenen Krei-
sen entstanden. Für den Rotschmied Rosenplüt ist die Nähe zum Regiment
durch seinen Dienstvertrag als Büchsenmeister, für den Bierbrauer Deichsler
durch sein Amt als Bettlerherr verbürgt. Der Reimsprecher Hans Schneider
mühte sich mit seinen Werken vergeblich um eine Anstellung beim Rat. Der
spätere Ratskonsulent Christoph (II.) Scheurl warb schon in seinen Studien-
tagen in Bologna mit einem Fob auf seine Heimatstadt und namentlich auf
seine dortigen Förderer gezielt um seinen späteren Brotgeber. Johannes Platter-
berger, Dietrich Truchsess und Georg Alt waren als Schreiber in der städtischen
Kanzlei, Johannes Cochlaeus und Helius Eobanus Hessus als Fehrer am städ-
tischen Gymnasium tätigt Hartmann Schedel war als Arzt in den Diensten
der Stadt. Sigmund Meisterlin, Conrad Celtis und Georg Rixner schrieben ihre
Werke in der Erwartung finanzieller Entlohnung durch den Rat - die Fiste ließe
sich weiter fortsetzen.

wird, vgl. LuciAN HÖLSCHER, Art. Utopie, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 6, Stuttgart
1990,S.733-788.
84 Vgl. dazu oben Kap. 2.1.1.
85 Johannes Platterberger der Jüngere wurde nach dem Bestallungsbuch der Losungstube 1459
ZM einem sciireiFer nnd ebener in die iosnngsfMFe nn/genomen nnd Fesfeif nM/T5;nr, Dietrich Truch-
sess war nach dem Amtsregister zum neuen Rat vom Jahr 1463 einer von den vier Schreibern
der Kanzlei, so Carl Hegel, vgl. CDS 3, S. 261.
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