Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2.1. »Identität« - ein geeignetes Konzept?

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Abgrenzung noch im Kulturtransfer, sondern vorrangig durch die Verortung
einer Gemeinschaft in einer gemeinsamen Vergangenheit statt. Die entsprechen-
den Untersuchungen bedienen sich der Leitbegriffe »Erinnerung(-skulturen)«,
»(kulturelles) Gedächtnis«, »Memoria«, »Herkommen« und »Mythos«.^
Anstatt also weiterhin schlicht nach den vormodernen (Re-)Konstruktionen
von kollektiver Identität zu fragen, verlangen die oben genannten Überlegun-
gen meines Erachtens, sich zuerst der Konstruktion der Identität als Deutungs-
strategie und Ordnungsparadigma im wissenschaftlichen Diskurs selbst zu nä-
hern. In zwei Schritten sollen die der Analyse zugrunde liegenden Hypothesen
daher reflektiert und offengelegt werden.

2.1.1. Substanz versus Diskurs
Entsprechend der ihm eigenen beziehungsweise der deutschen Wesensart -
myemMoü' und pro GemMMonim nahnrü - sucht Conrad Celtis im sechsten
Kapitel seiner Nonm&erg% den popidos der Stadt nach Phänotyp wie auch Cha-
rakter zu beschreiben. Die Nürnberger, so erfährt der Leser unter anderem,
seien körperlich robust und schön gewachsen, intelligent und heiter, stolz und
angeberisch, leicht erregbar, doch auch schnell zu besänftigen, profitgierig, ja
sogar berechnend und glattzüngig, wenn es um ihre wirtschaftlichen Erfolge
gehe.'' Als Gründe für die Ausbildung dieses »Menschenschlags« führt Celtis
die besonderen Sternenkonstellationen über der Stadt und das dortige Klima
an, außerdem den geographischen szfMS. Männer wie Frauen seien »charmant
und clever«, wie Gerhard Fink salopp übersetzt;^ ihren Charakter forme, wie
auch die Gelehrten glauben, der Lebensraum: bigeMM Sexus H
Mf % ^MO^MO cmühim esf, /oconim ^MO^MO sifMS

1998 (Erinnerung, Geschichte, Identität 3), S. 44-72, hier S. 47f., mit den Begriffen »Kultur«
und »Bedeutung« charakterisiert. Er benenne eine Verbindung zwischen Menschen, »die im
Prinzip in der Lage ist, eine soziale Ordnung zusammenzuhalten« (S. 47), weshalb die ur-
sprüngliche Fragestellung dieser Arbeiten darin bestehe, »identitätsschaffende Gemeinsam-
keiten zwischen Menschen in deren Art und Weise der Weltinterpretation zu suchen« (S. 50).
Wagner hält dieses Konzept für pragmatisch anwendbar, kritisiert es jedoch zugleich, da es
zur »Voraussetzung der philosophisch-wissenschaftlichen Operation macht, was dem Ergeb-
nis der Untersuchung Vorbehalten bleiben müßte - eben die stabile Existenz des betrachteten
Phänomens als des beschriebenen« (S. 56).
30 Vgl. etwa AsTRiD ERLL, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, in: Konzepte der
Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen - Ansätze - Perspektiven, hg. von ANSGAR
NÜNNING und VERA NÜNNING, Stuttgart, Weimar 2003, S. 156-185, bes. S. 156 und S. 179f. über
das gegenwärtige Forschungsfeld »kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen«.
31 Conrad Celtis, Noriwherga, ed. WERMiNGHOFF, 1921, S. 152.
32 Ebd., S. 151.
33 Vgl. ebd., S. 151. Den ingenn U woraüones der Nürnberger Männer und Frauen widmet Celtis
im Anschluss an die genannten Überlegungen sogar ein eigenes Kapitel, vgl. ebd., Cap. 7,
S.153-159.
34 Vgl. FiNK, 2000, S. 45.
35 Conrad Celtis, Noriiwherga, ed. WERMiNGHOFF, 1921, S. 152 (Text nach der ersten Fassung aus
dem Jahr 1495; abweichender Text der Druckfassung von 1502: Ingenia MfriMStyne sexns deEcafa
et ua/fa et ijnae, nt a sapLnOEns fradünr, iocorniw sifns da /b^af).
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