Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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2.4. Nürnberg in Städtelob und Stadtbeschreibung

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Wie vertraut die Germania insbesondere vielen Italienern erschien, ist dem
Bericht des venezianischen Patriziers Ambrosio Contarini zu entnehmen, den
er über seine Reise als Am&asdadore seiner Stadt 1473 zu Usun Hassan, dem
Schah von Persien, verfasste. Sowohl auf der Hin- wie auch auf der Rückreise
machte er Station in Nürnberg; doch obwohl er auf dem Rückweg sogar eine
längere Erholungspause einlegte, war ihm die Stadt lediglich zwei kurze Halb-
sätze wert.^ Stattdessen resümiert er über seine Wegstrecke durch Deutsch-
land insgesamt, er wolle nicht ausführlicher darüber berichten, schließlich sei
Deutschland ohnehin fast jedem aus eigener Anschauung oder vom Hören-
sagen bekannt: %HoggMM%mo %/cMne MOÜe in &cmissime uiHc, m% püt parle in lerre,
& casldü; Ute cerlo ue ne sono moifi di &eiii, &Jbrü, & degni di memoria. Ma per esser
paese, cde a cmsscnno ^nasi, o per uednfa, o per udda e nofo, non^ärd nzenfione dede
sne ierre & cesieiii.^' Nicht alle italienischen Nürnberg-Reisenden dachten frei-
lich wie Ambrosio Contarini. Aus der Zeit zwischen 1470 und 1550 haben sich
mindestens ein halbes Dutzend Berichte erhalten, in denen Italiener Nürnberg
porträtierten, auch wenn Umfang und Inhalte dieser Darstellungen stark vari-
ieren. Sie sollen im Folgenden ausführlicher vor gestellt werden.
Dass Piccolominis De Europa auch in Italien gelesen wurde, lässt sich für die
Nürnberg-Beschreibungen näher an zwei Texten belegen:^ einerseits an der

362 11 viaggio del magnifico M. Ambrosio Contarini, Ambasciadore della illustrissima Signoria di
Venetia al gran Signore Vssuncassan Re di Persia nell'anno MCCCCLXXIII, in: Secondo Volv-
me delle Navigationi et viaggi, [hg. von Giovanni Battista Ramusio], Venedig 1559, fol. 112v-
125v, hier fol. 112v und 125r.: Die Stadt, so bemerkt Contarini, sei sehr schön, habe eine Burg,
werde von einem Fluss durchflossen und sei dem Kaiser untertan. Zu Contarini vgl. VoiGT,
1973, S. 180-182.
363 Ambrosio Contarini, 17 ulaggio, ed. RAMusio, 1559, fol. 113r.
364 Piccolominis Schriften waren außerdem zwar nicht direkte Vorlage, wohl aber vermutlich An-
regung für eine anonym und unikal überlieferte Schrift Dcscripüo prouiMciarMW ZhawMMorMm,
die Klaus Voigt in der Mailänder Biblioteca Ambrosiana entdeckte und 1968 als Edition vor-
legte: Als ihr Urheber muss nach Voigt Marinus de Fregeno gelten, ein Kleriker aus Spoleto,
der lange Jahre als päpstlicher Nuntius und Kollektor Skandinavien, das Baltikum und Polen,
aber auch Nord- und Mitteldeutschland bereiste, bevor er 1478 zum Bischof von Kammin er-
nannt wurde. Wohl dem spanischen Kardinal Auxias de Podio gewidmet und kurz vor dessen
Gesandtschaftsreise in die deutschen Lande im Jahr 1479 verfasst, enthält die Schrift sowohl
eine Vorstellung der deutschen Fürsten und ihrer Territorien als auch eine Darstellung der
mitteleuropäischen Städtelandschaft, worauf die nach Marinus zentralen Protagonisten in
den darauffolgenden Passagen nochmals zusammenfassend unter dem Gesichtspunkt ihrer
politischen Macht und ihres Verhältnisses zum Kaiser aufgegriffen werden. Der Text endet
mit einer Darstellung der mores ZhawMMea und Empfehlungen zum Umgang mit den deut-
schen Fürsten, was den praktisch-politischen Zweck des Werkes unterstreicht. Nicht alle von
ihm beschriebenen Regionen hatte Marinus selbst bereist; neben den mecklenburgischen und
pommerschen Küstenstädten kannte er von der Durchreise aber auch Teile Süddeutschlands
aus eigener Anschauung, darunter Nürnberg. Die Präsentation der Städte, nach geographi-
schen Kriterien angeordnet, umfasst nur einen knappen Hinweis auf ihre rechtliche Stellung
und ebenso kurz etwaige Besonderheiten. Für Nürnberg, das in der Mitte zwischen Schwa-
ben, Bayern und Franken lokalisiert wird, schienen dem Autor die in der Stadt geübten arfes
mec/MM/cae und der ausgedehnte Fernhandel, namentlich mit Oberitalien, Venedig und Genua,
erwähnenswert. In den resümierenden Passagen, die auf die geographisch geordneten Aus-
führungen folgen, wird Nürnberg schließlich noch ein zweites Mal in einer Liste der GWfafes
TmpcrMk's aufgeführt, die als besonders mächtig und von mNor respecfMS bezeichnet werden.
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