Meyer, Carla
Die Stadt als Thema: Nürnbergs Entdeckung in Texten um 1500 — Mittelalter-Forschungen, Band 26: Ostfildern, 2009

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3. Goldene Zeit oder Krisenzeit?

nach einer vorübergehenden Rückgabe - habe er das Heiltum in der Nacht ein
zweites Mal stehlen und heimlich über Burgen und Furten nach Prag entführen
lassen. Erst sein Nachfolger Sigmund habe das Unrecht ein halbes Jahrhundert
später rückgängig gemacht und das Heiligtum /?er iH&r
Meisterlin, so argumentiert Schneider, muss diese »Legendenbildung« ge-
kannt haben; trotzdem ignorierte er sie in seiner NieroH&ergensis crornca. Den
Grund dafür sieht Schneider in der Charakterisierung des luxemburgischen
Kaisers. Das Bild des für Nürnberg schädlichen Schurken und Diebs passte nicht
in die Logik seines Werks. Insbesondere in seiner Erzählung des Aufstands von
1348/49 - von dem im Kapitel 3.3.2. noch die Rede sein wird - kommt Karl IV.
vielmehr die Rolle des strahlenden Helden zu. Eine dezidiert negative Rolle
hatte Meisterlin ebendort umgekehrt Nürnbergs großem Gönner Ludwig dem
Bayern zugedacht.' ^ Die Negativzeichnung von Karls Thronrivalen benutzt
er als erzählerische Kontrastfolie, vor der er seinen Protagonisten noch heller
leuchten lassen konnte.'^ Sie war also - nicht nur, aber offenbar in starkem
Maß - ein Resultat der Erzählmotivation.
So klare und dezidierte Urteile, wie sie die »Jahrbücher« im Fall der
»Heiltumslegende« über Karl IV. oder aber Meisterlin über die Regierungszeit
Ludwigs des Bayern fällten, finden sich über die regierenden Herrscher nicht.
Für eine Meinungsbildung über die Habsburger fehlte offenbar die zeitliche
Distanz, die ihre Einordnung erleichtern konnte. Die nur mit großer Vorsicht
geäußerten Bewertungen ihrer Politik und ihrer Persönlichkeiten mussten so
disparat und ambivalent ausfallen wie die Erfahrungen mit ihnen. Das in der
Forschung öfter getroffene Urteil, mit den Habsburgern habe sich das enge
Verhältnis zwischen Krone und Stadt wie in der Zeit der wittelsbachischen und
luxemburgischen Regenten nicht mehr hersteilen lassen, ist aus der Perspek-
tive der zeitgenössischen Wahrnehmung daher zu relativieren. Als sensibler In-
dikator für die Beziehung zum Stadtherrn wurden insbesondere seine Besuche
in der Stadt zunehmend auch von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen.
Mit einem Aufsatztitel von Peer Fries lassen sie sich treffend als »inszenierte
Höhepunkte einer schwierigen Beziehung« charakterisieren/^ wie nicht nur die
zähen Konflikte mit Friedrich III. zu Beginn seiner Regierungszeit zwischen
1440 und 1444 demonstrieren. Als »unentbehrliche]^] Privitegienspender«^"" war
der König schließlich der unabdingbare Garant für den Status der Reichsstadt.
Zugleich hatten die Kompilatoren der annalistischen »Jahrbücher« die mah-
nenden Beispiele von Regensburg, Mainz oder Donauwörth vor Augen, die
mangels herrscherlicher Protektion zu fürstlich oder bischöflich regierten Städ-
ten degradiert worden waren/'"

196 Jahrbücher des 15. Jahrhunderts, ed. CDS 10, XI, S. 143f. Das Textstück wird eingeleitet mit
einer Publikumsansprache, ein sehr ungewöhnliches Stilmittel in der annalistischen Literatur:
ZiNr wie &s HeiitMW i? innen Uw, &s wisst.
197 Vgl. dazu vor allem Sigmund Meisterlin, NieronFergensis eiironien, ed. CDS 3, VI, S. 121-124.
198 Vgl. dazu unten Kap. 3.3.2.
199 FRiEs, 2005.
200 HEiMFEL, 1951, S. 29.
201 Vgl. Jahrbücher, CDS 10, XI, S. 246 (Donauwörth), S. 266f. (Mainz) und S. 379 (Regensburg).
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