Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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BESPRECHUNGEN.

Braig, Friedrich, Heinrich von Kleist. München, Beck, 1925. X, 637 S.

Es ist gewiß ein höchst erfreuliches Zeichen des seit dem Ende des vorigen
Jahrhunderts stets im Wachsen begriffenen Anteils an Kleist, an dem Menschen wie
dem Werk, daß in den letzten Jahren allein vier umfangreiche Darstellungen seines
Lebens und Dichtens erschienen sind: die von WitkopGundolf 2), Muschg3) und
Braig. Von diesen vier Darstellungen erscheint mir die vorliegende von Braig zweifel-
los als die bedeutendste, wennschon man sich bei ihr häufiger als bei den anderen
genannten, die von Gundolf, die meines Erachtens fast nur Ablehnung verdient,
freilich ausgenommen, zu Bedenken und Widerspruch genötigt findet. Jedenfalls er-
wächst aus Braigs Darstellung eine ungewöhnlich geschlossene und eindrucksvolle
Gestalt Kleists, wenn es auch gewiß nicht »die« Gestalt Kleists ist, die hier vor
dem Leser ersteht. Zumal hierin eine fast unvermeidliche Bedingung von biogra-
phischem Gestalten in weiterem Sinne liegt, nimmt man es wohl in Kauf, daß die
Einheitlichkeit zuweilen durch etwas erzwungene Anpassung an ein im voraus vom
Verfasser »geschautes« Bild Kleists gewonnen ist.

Als ein besonderes Verdienst Braigs erscheint es mir, daß er tiefer, als das
meines Wissens bisher geschah, die geistigen Bedingungen und Beziehungen Kleists
herausarbeitet. Wie er Kleist da zu Wieland, Rousseau, Fichte, Jacobi, zu Moritzens
»Anton Reiser«, Goethes »Werther«, zu Schiller ins Verhältnis setzt, wie er später
die Persönlichkeit Adam Müllers neben Kleist stellt, wie er G. H. Schubert und
Zacharias Werner heranzieht, auf Jakob Böhme, ja auf Thomas a Kempis zurück-
weist, das ist ebenso anregend wie belehrend. Hier treten Einzelbedenken durchaus
in den Hintergrund, wenngleich man es eine Voreingenommenheit des Verfassers
nennen muß, wenn er (S. 1 f.) die moderne Geistesentwicklung seit der Renaissance
nur mit negativem Vorzeichen zu versehen weiß. Er spricht da nur von »Loslösung
der Individuen von objektiven Mächten und Bindungen in Religion und Politik, in
Recht und Sitte«, von »realen Kräften und Mächten«, die nun verleugnet würden,
von »Vereinsamung des Frevlers in der Welt, die er verleugnet«: »der Mensch
hatte sich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen, auf dem er leben, den
Raum geraubt, in dem er atmen konnte,« »die chaotische Verirrung als Folge der
Selbstbefreiung der Vernunft in allen Fragen des geistigen Lebens begann sich zu
verwirklichen«. Ich kann diesen Hintergrund für die Darstellung einer neuzeitlichen
Dichtergestalt nicht günstig und nicht zutreffend finden. Wie anders man jedenfalls
die moderne Geistesentwicklung ansehen kann, zeigt etwa Rickerts Schrift »Kant
als Philosoph der modernen Kultur« Von diesem Vorurteil aber abgesehen, ist
der engere geistige Hintergrund für die Gestalt Kleists, wie Braig ihn malt, im
ganzen scharf und richtig gesehen. Auch wird man dem Verfasser bei seinen Quellen-
hinweisen wohl im allgemeinen folgen können. Dagegen fordert ein Gesichtspunkt,
der für Braig selbst offenbar von grundlegender Bedeutung ist und sich infolge-
dessen durch die gesamte Darstellung hindurchzieht, nämlich Kleists Religiosität,
beziehungsweise Kleists Stellung zum Religiösen, im ganzen wie im einzelnen oft
zum Widerspruch heraus.

Ist es denn tatsächlich möglich, d. h. ist es durch die Dichtungen Kleists, wie
sie als Tatsachen vorliegen, gegeben, in fast jeder von ihnen eine religiöse Frage
im Kernpunkt zu sehen? Heißt es nicht das künstlerische Wesen etwa des Zer-

') Leipzig, Haessel, 1922.

-) Berlin, Bondi, 1922.

3) Zürich, Seldwyla-V. 1923.

*) Tübingen, Mohr, 1924; vgl. dazu meine Anzeige in ^Grundwissenschaft« V, 36Sff.
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