Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST Nr. 1-3

logisch festgelegt hat. Ohne die Überschrift ergibt sich zwanglos eine einfachere
Deutung: Gott ist durch das Kreuzopfer des Sohnes versöhnt, da neigt er sich,
liebend die Arme ausgebreitet, wieder zur Menschheit.

Alle gute, religiöse Kunst sucht das Übersinnliche darzustellen. Darum kann
man auch Vetter dazu das Recht nicht absprechen, ebensowenig wie man es
Albrecht Dürer verargen kann, daß er die Apokalypse in Linien zwang. Bei Vetter
kommt die Unfaßbarkeit des Vorganges im Mittelbilde stark zum Bewußtsein.
Körperlich faßbar erscheinen nur das Kreuz, ein dunkler See und Berge, über die
ein erstes, stilles Leuchten geht. Bei der körperstarken Wesenheit der Darstellung
auf den beiden Flügeln bringt das Mittelbild durch seine Transzendenz Zwiespalt
in die Komposition. Unsere Augen suchen immer wieder die beiden Schacher.
Hier fühlen wir die irdische Sensation, die uns packt, während unsere Seele durch
die umarmende Lichtsphäre des Mittelbildes übermächtig ins Unirdische gezogen
wird. Religiös bedeutet das für uns das Weh des Dualismus, unter dem wir in
heutiger Zeit besonders leiden; künstlerisch liegt dann eine Zerrissenheit, die
beunruhigt, und die trotz des Themas der Erlösung die Seele des Beschauers
doch nicht ganz erlöst.

Die drei Menschenkörper sind im akademischen Sinne prachtvoll gemalt.
Weniger ist die nächtliche Finsternis gelungen, in die nun Gott in der Jehova-
auffassung mit den beiden Feuerhörnern plötzlich und sonnenhaft hineinbricht.
Diese Finsternis ist zu matt. Es fehlt ihr die unendliche und schauerliche Tiefe.
Auf den guten Schacher fällt vom Himmel her verklärender Schein wie Monden-
licht. Davon leuchtet sein Körper stark plastisch aus dem Bilde heraus. Einzelne
kräftige Lichtflecke erhellen noch besonders seine Gesichtszüge. Glückverheißend
war sein Sterben. Er ist erlöst. Die Fesseln lockern sich. Die Wurzeln des alten,
verdorrten Baumes, an den der Querbalken zu seiner Kreuzigung genagelt war,
treiben junge, grüne Stämme.

Wie hier alles emporstrebt, so wird auf dem rechten Flügel alles niedergerissen.
Dort ist der böse Schacher von gelblichem Schein wie von flackerndem Feuer der
Hölle bestrahlt. Zwei Ungeheuer der Hölle reißen den qualverzerrten Körper
aus den Fesseln des Kreuzes, daß es sich unter den erbarmungslosen Griffen biegt.
Auf der einen Seite ist die Tragödie, auf der andern das Drama eines Menschen-
lebens zu Ende.

Vetter hat wahrlich mit heißem Bemühen um sein Werk gerungen. Wie schon
gesagt, handelte es sich ja für ihn nicht bloß um die Bezwingung des einmal auf-
gegriffenen Themas, sondern auch darum, von der Sphäre eines ganz Gewaltigen,
von Matthias Grünewald, loszukommen. Die Rückseiten der Altaiflügel enthalten
die beiden Schächerbilder vollständig fertig gemalt noch ein zweites Mal. Hier
gewahrt man erst recht, wie sehr Vetter in den Kreis Grünewalds gebannt war.
Doch er hat die alten Tafeln verworfen, das Thema von neuem angefaßt, und dabei
ist er freier, reifer und größer geworden. Egid Beitz, Bensberg.
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