Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 1.1907/​8

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Zwei romanische Zentralbauten.

Von G. Dehio.

I. Wimpfen.

Unter der gotischen Stiftskirche zu Wimpfen im Tal liegen die Fundamente
eines frühromanischen Zentralbaus. Man erinnert sich der Überraschung, die ihre 1897
erfolgte Entdeckung hervorrief. Was hat, sagte man, diese verspätete Nachahmung der
Aachener Pfalzkirche hier zu bedeuten? Denn daß nur das Vorbild Aachens die unge-
wöhnliche Planform erklären könnte, schien in aller sonstigen Ungewißheit sicher und
auf diese Annahme hin gaben Adamy und Wagner ihre Rekonstruktion.1

Im Grunde ist das Gemeinsame der beiden Anlagen nur dies, daß sie Zentralbauten
mit Umgang sind. In zwei gewiß nicht unwesentlichen Punkten weichen sie voneinander
ab. Daseineist die Choranlage. Sie besteht in Wimpfen aus drei Apsiden; und zwar
in paralleler Stellung zueinander, nicht, wie die formale Logik des Zentralbaus es fordern
würde, radial auf den Mittelpunkt gerichtet. Zweitens geht das Polygon auf eine andere

Abbildung 1. Wimpfen. Abbildung 2. Segovia.

Grundzahl zurück. In Aachen Achteck und Sechzehneck, in Wimpfen Sechseck und
Zwölfeck. Der Unterschied ist ästhetisch bedeutsam und wird in der Tradition 'der Bau-
formen auch als solcher anerkannt. Das Sechseck- ist der christlich-antiken und früh-
mittelalterlichen Baukunst fremd geblieben; nur in einigen kleinen spätromanischen An-
lagen finden wir es hie und da. Mir hat deshalb die Einreihung des Wimpfener Zentral-
baus in die Filiation von Aachen von jeher Bedenken erregt.

Nun stoße ich in meinem Material auf den beistehend abgebildeten Grundriß
der Templerkirche Vera Cruz zu Segovia in Altkastilien.2 Wie man sieht, genau die-

1 Die ehemalige frühromanische Zentralkirche des Stifts St. Peter zu "Wimpfen im Tal. Darm-
stadt 1898.

2 Wahrscheinlich aus den Monumentos arquitectonicos de Espana kopiert. Diese Publikation ist
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