Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 1.1907/​8

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Von den Zwillingssäulen, die heute den breiten Wandpfeilern entsprechen (Abbildung 9),
nimmt Stiehl an, sie hätten einmal in der bunten Kapelle und der Sakristei an Stelle
der jetzt dort vorhandenen gotischen Säulen gestanden; doch beruht diese Annahme
auf einem Versehen und ist leicht zu widerlegen. Die linke Säule (Abbildung 9), deren
Kapital mit Rankenwerk verziert ist, hat unbedingt von Anfang an hier gestanden.
Erstens nämlich passen sowohl Kapital wie Schaft wie doppelte Basis absolut zuein-
ander und zweitens ist das Kapitäl auf seiner Innenseite oben gar nicht bearbeitet, und
unten, wo es noch sichtbar wird, nur vorpunktiert, also unbedingt darauf berechnet,
mit einer anderen Säule zusammenzustehen. Dagegen ist das rechte mit Figuren ver-
sehene Kapital, das auch auf der Innenseite plastischen Schmuck aufweist, nicht mehr
das ursprüngliche, sondern bei dem Umbau gegengesetzt. Wo es früher hingehört hat
und wo das zweite Zwillingskapitäl hingekommen, oder ob es überhaupt jemals fertig-
gestellt worden ist, ist heute nicht mehr nachzuweisen.

Im Äußeren gehören von der Apsis nur die Spitzbogenfenster mit den schrägen
Laibungen dem Bau von 1225 an. Die Rundbögen über diesen Fenstern mit den ein-
fach abgefasten Kanten sind erst bei dem späteren gotischen Umbau gleichzeitig mit
den Strebepfeilern ausgeführt worden. Sie dienen als Unterlage für eine Verstärkungs-
wand, die um die Apsis herumgelegt worden ist, also gleichsam mit den Strebepfeilern
zusammen eine vollständige Ummantelung des Chores bildet.

Von den übrigen Teilen der Kirche gehören zu dem romanischen Bau meines
Erachtens noch die untersten Partien der Türme. Sie bestehen aus kleinen romanischen
Steinen und sind anscheinend in direktem Anschluß an die mittleren Teile ausgeführt
worden. Im Innern des Nordturmes habe ich an der Nordwand noch ein altes
romanisches Turmfenster vorgefunden, das eigentlich nur einen Schlitz von 15 X 80 cm
bildet, aber infolge seiner schrägen Laibungen bei der gewaltigen Dicke der Mauer
vorn eine Breite von 1,25 m und eine Höhe von 1,70 m hat.

Somit wäre icli denn am Schlüsse meiner Auseinandersetzungen angelangt,
soweit sie den romanischen Bau betreffen. Die am Anfang des 13. Jahrhunderts an-
gebaute bunte Kapelle mit der darüber befindlichen Sakristei, sowie den Kreuzgang
und die ganzen gotischen Zutaten, alles Teile, über die noch vieles Neue zu sagen ist,
werde ich später ausführlich behandeln.

Kleinere Mitteilungen für und wider.

Der

Neubau der Hohkönigsburg.

Eine schon in der Dezembernummer1 veröffent-
lichte Streitschrift des Herrn Baron von Gey-
müller gegen mich ist so spät zu meiner Kenntnis
gelangt, daß ich mich erst jetzt dazu erklären kann.

Sie bestätigt mir, daß man auf der Gegenseite
meiner an der angeblichen Wiederherstellung der

1 S. diese Zeitschrift, S. 65 ff.

Hohkönigsburg geübten Kritik nichts Haltbares
entgegenzusetzen vermag.

Entkleidet der persönlichen Ausfälle gegen
mich, der da unausgesetzt als ein unzurechnungs-
fähiger, anmaßender Ignorant behandelt wird, be-
steht die angebliche Widerlegung meiner Aus-
stellungen, kurz gefaßt, wesentlich in Folgendem.

Ich hatte (III. Eis. Rundschau, 1905 Sonder-
abdr., S.3) geschrieben, unnötigerweise sei, soweit
ich habe messen können, den Gußlöchern nur
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