Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 2.1908/​9

Seite: 212
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langt man auf einer Holzleiter zum Dachspeicher. Das Hans ist teilweise unterkellert.
Der Zugang zum Keller liegt auf der Straße.

Die ganze Grundrißanlage ist im wesentliche]: dieselbe, wie sie sich in reicbsdeut-
schen Städten bei gleichen Baubedingungen und Beschränkungen des Bauplatzes vom
Mittelalter bis zum Rokoko erhalten hat.

Als Vorbild diente aber hier das fränkische Bauernhaus, welches die in der Mitte
des 12. Jahrhunderts eingewanderten «Siebenbürger Sachsen» aus ihrer mittelfränkischen
Heimat (Trier bis Düsseldorf) mitbrachten. Am deutlichsten zeigt dies die Zweiteilung
der Vorhalle in der hierdurch geschaffenen Mittelstellung des Herdraumes.

Auffallend sind die überaus starken Mauern der flachgedeckten Räume. Ich
möchte hieraus die Annahme ableiten, daß man die Profanbauten im vorgebenden
Mittelalter in der Regel aus Holz errichtete und nun beim Massivbau — vielleicht auch
wegen dem bergigen Terrain — zu übertriebene Vorsicht übte. Man gedachte durch
die große Masse die Standsicherheit zu erhöhen.

Die seitlich gelegene Eingangstüre, verbunden mit der geringen Stockwerkshöhe,
schließt — wenigstens an unserem Beispiel — eine frühere Wölbung aus.

Bemerkenswert ist noch die luftige Ausgestaltung des mit Schindeln gedeckten
Dacbspeichers. Sie lassen den Ackerbürger erkennen, der hier neben den zum Hand-
werk nötigen Rohmaterialien noch Feldfrüchte aufbewahren konnte.

Chronik.

Friedrich Adler
in seiner Bedeutung für die Geschichte
der Architektur.

Von Julius Kohte.

Nach langer, ruhmreich vollendeter Laufbahn
hat das Leben Friedrich Adlers seinen Abschluß
gefunden. Auf selten reiche Erfolge durfte er
zurückblicken, als Beamter und Lehrer, als Bau-
künstler und Forscher. In der Bauverwaltung
des preußischen Staates hat er an hervorragender
Stelle gestanden; große und ehrenvolle Aufträge
hat er schaffend vollbracht; auf die Ausbreitung
und Vertiefung der baugeschichtlichen Studien hat
er weithin einen Einfluß geübt, wie er nur weni-
gen akademischen Lehrern beschieden ist.

Geboren in Berlin am 15. Oktober 1827 und
ebendort gestorben am 15. September 1908, be-
hielt Adler seinen Wohnsitz sein ganzes Leben
hindurch in Berlin ; auf zahlreichen Reisen aber
erweiterte er unausgesetzt seinen Anschauungs-
kreis. Während der Studienzeit auf der Bauaka-
demie zog ihn besonders Karl Bötticher an, der
in begeisterter Lehre die hellenische Bauweise neu

zu beleben verstand. Als Bauleitender war Adler
namentlich unter Stüler bei der Ausführung des
Neuen Museums tätig. Frühzeitig gelangte er zu
selbständigem Schaffen; einige seiner Wohnhäuser
in Berlin tragen das vornehme Gepräge der Schule
Böttichers, und die Thomas-Kirche verbindet eben-
falls in dessen Sinne die mittelalterliche Raum-
anlage mit antiker Formgebung. Diese Bauwerke
in ihrer ausgesprochenen Eigenart gehören jetzt
schon zu einer geschichtlich abgeschlossenen
Entwicklung der Berliner Bauschule. In seinen
späteren Kirchenbauten folgte Adler, wie der Zug
der Zeit es wollte, strenger den geschichtlichen
Vorbildern der Baukunst, wahrte sich aber fast
immer eine gewisse künstlerische Selbständigkeit.
Von 1877 — 1899 vortragender Rat für Kirchen-
bau im Ministerium der öffentlichen Arbeiten,
hatte Adler auch die oberste Leitung der kirch-
lichen Wiederherstellungsbauten, unter denen der
Dom in Merseburg, die Marienkirche in Mühl-
hausen i. Th., die Willibrodi-Kirche in Wesel, der
Dom in Schleswig, die Kirche in Pritzwalk be-
sonders genannt sein mögen. Unter seiner un-
mittelbaren Leitung entstanden die Wiederher-
stellung und der gediegene Ausbau der Schloß-
kirche in Wittenberg, sowie der Bau der Erlöser-
kirche in Jerusalem, für welchen die Trümmer
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