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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0186
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(ssin Noggenfel- unegi nachdenllich feine Halme dabei. und ein
Wiesenbächlein plaudert geschwätzig vor sich hin. Az:f einem Weiden-
stumpf aber sitzt ein Rotschwänzchen und schaut mit klugen Aeuglern
zu mir herüber und macht anmutige Knixe dazu. — —

Uich nun ernpor zum schattigen Hochwald. wo weiches Moos zum
Nasten einläder, und mächtige Farne. die Palmen des Schwarzwaldes,
Kuhlung fächeln! Feierliche Stille umfängt mich, Waldseligkeit. Mär-

chenstimung --Hier wohnt die Ruche. die ich fuchte, hier finnt

das tlefe Schweigen. hier atmet Friede. ...

llmso rauter ist's dann wieder drunten im Tal in der geräumr-
gen Stube des alten Easthauses mit .der schön glänzenden, weitz
lackierten Hokzdecke. Die Teller tlappern. und die Eäste sind gut ge-
launt. Das sildschöne Töchterlein bedient, und drautzen in der Küche.
wo die dicke Rosine das Regiment führt, herrscht lebhafte Eeschäftig-
teit. Durch das offene Küchenfensterchen beobachte ich ein ganz hüb-
sches Zwischknspiel: die rothaarige hübsche Justine und der blonde,
blauäugige Neinharh, zwei blutjunge Leutchen, treiben verliebtes
Spiel. Sie tzat rhm ein Stück von dem guten Apfelkuchen aufgehoben,
und er beitzt herzhaft drein und schaut sie dabei glückselrg an. Die
Däcklein ihres zarten Eesichtleins sind rosig angehaucht. und auch
ihre Augen leuchten. während sie lachend und scherzend ihre Arbeit

tut.-Ist das nicht schon wie der Anfang einer Dorferzählung

des volksbegeisterten, gestaltungsfrohen Schwaben Berthold
Auerbach, dessen „Barfützele" noch innner jedes He^ ent-ückvn
mutz? —

Ich gehe die Dorfftratze hinunter. dem hollunderumblühten Dach
entlang. Köstlicher Heuduft erfüllt das ganze Tal. Man ist spät
daran in dieser Eegend. — Die Feurrwehr versperrt Mr plötzlich den
Weg. Signale ertönen. Aber glücklicherweise gilt es keinen wirk-
lichen Brand zu löschen. Die Ortsfeuerwehr benutzt nur den heitzen
Conntagnachmittag. um Probe zu halten. um gerüstet zu sein, wenn
der rote Hahn sich auf einem der Dächer des Dorfes. die zum Teil
ncch mit Stroh gedeckt sind. niederlassen wollte. Der Spritzwagen
spritzt gemütlich die weitzstaubige Dorsstratze und ^des Krämer-Peters
Earten ab. —

Ich schlage mich wieder seitwsrts. denn ich will noch „über den
Verg". Der Weg ist nicht leicht zu finden. Ein steinaltes Weiblein.
das nach den Heidelbeeren „luegen" sschauen) will, klettert mit mir
den steilen. moprigen Erashügel zum Wäld empor. Ich wundere mich,
datz die Alte das noch leisten kann. Endlich bin ich wieder oben auf
l,>errlichem Pfad, der werten Ausblick über die lang hinziehenden Gs-
Lirgsrücken gewährt. Im Westen flimmert der Rhern. — Spät äbe-nds
komme ich in ein ernsccm auf der Höhe gelegenes Wirtshaus. desien
Namen ich wieder verschweigen will. Es ift ohnehin berühmt genug,
denn der urwüchsig knorrige, badifche Volksmann Hansjakob, der
da drüben überm Kinzigtal im einsamen Waldarab von aller Lebens-
not und SHwermut ausruht. hat ihm in einer seiner besten Geschich-
ten ein schönes Denkmal gesetzt. — llnter dem Llrlkenschweren. wert
überragendem Dach, in grünumrankter Laube sitzen ein paar Bauern
beim Sonntagstrunk. Wenn ein neuer East dazukommt. führt er sich
nrft der gemütlichen Frage ein: „So. tuet 's es?" Und die andern
rücksn und machen Platz und geben ihrem Gespräch irgend eine necki-
sche Wendrmg gegen den Ankonrmling. — Jnnen sind die Wände der
mlederm, hohgetäfelten Wirtsstube mit Versen und Sprüchen bemalt.
Ein schöner Llauer Kachelosen zeigt in der Mitte in bunter Relief-
arboit ein Mutergottesbild. Am Sockel des Ofens, über der umlau-
fenden Vank lese ich den immer und überall zeitgemätzen alten
Spruch: „Wenn Trug. Lug, Hatz und Neid Lrennten wie Feuer, wär
Kohl' und Holz nicht so teuer." —

lleber düese Worte sinnend, steig ich ins andere Täl hinab.
Schon dunkeln tiefer violett die Berge. schwarze Schatten lagern unter
den tief herabhängenden. brerträndigen Walmdöchern der braunen
Höfe, und Dämmeruug schleiert über die abendfeuchten. duftenden
Matten, als ich die breite Talstratze erreichte. Irgesiwoher kugeln
und purzeln die urgHnnden. butterigen Töne einer Ziehharmonika
durch die ALendstille. Aus einem Hause am Wege höre ich beten-e
Sttmmen dringen, die sich ernst nnd eintönig in die Dämmerstim-
mung -es Tales einfügen. Und mit diesen beiden Klängen im Ohr
wandre ich weiter in die wachsende Nacht hinein, die über den schwar-
zen, scharsen VergräTtdern aufsteigt. wie ein funkelnder. grünblauer
Marchendom, in dem mein Wandertag glückselig niedersinkt. — Auf
irgend einer rlein>en Station erwarte ich den letzten Zug — auch das
hat selbst sein« Reize in gesttrnter. kühler Sommernacht, unter den
schwarzen Wolken von Kastanienbaumen! — und voll von dep
Schwarzwaldes geheimnispollem Zauber mit neuen. schönen Ein-
drücken und Vildern bereichert. kehr ich heim von meinem Wander-
ftug. _—^

Gedanken / Wilhelm Weigand

Die Nomanen. und besonders die Franzosen. fälschen jeden
deuischcn Eedanken, wenn sie ihn in den Mund nehmen. Es gibt
Eedanken, die in keine fremde Sprache übertragen werden können,
weil sie dem ttesiten Rassengrund entwachsen sind. Tine Idee äber
mutz. wenn sie eine Weltwirkung ausüben soll, übersetzbar sein, womit
übrigens allem Unausfvrechlichen. insosern die sogenannte Weltlultur
in <zrage kommt, das llrteil gesprochen ist.

Der Mensch kann das Eöttliche durch Begrenzung erreicben'
aber Eott ist das unbegrenzt Wittende

Der Buchhandler / Horst Schöttler

Ueber die Eattung derjenigen, die mit BLchern handeln, herrschk
noch iclche llnklarheit, datz ich auf Erund eingehender naturanisen-
schaftllcher Untersuchungen folgendes über sie bäannt geben möchte>

1. Der Berlegex

Er nmtz unbcdingt zu den Menschen gerechnet wer^erk. «lÄ
wenn sein Wirkungskreis nicht so klar umschriebsn ist wie der des
Bterverlegers. Manchmal verlegt er Schulbücher, Wisienschast, Rlu-
sikalten oder Landkartcn, meist verlegt er jedoch Dichter. Ie nach-

dem, wie er dem einzeinen Dichter antwortet. zählt der Lerleger zu
den feinsten Köpfen und grotzcrrtigsten Menschen, oder zu den ausge-
machtesten rückständigsten Trotteln. Da er oft antworten mutz. füllt
seine Beschreibung ein ganzes Schimpfwörterlexikon. Detlev vou Li-
l'.encron nannte scinen Verlegcr mit Vorliebe noch Strauchritter crer
brutalen Llutsauger, spätere Dichter sind mit ihren bezüchnenden
Ausdrücken wenigcr zurückhaltend geworden. Hat jemand mit e'ncm
Buchc Erfolg, so ist er klügcr gewesen, ale sein Derleq^r: bleibt der
Ersolg aus, so sit der Vcrleger der Dumme, der die Sache ganz fclsch
angefatzt hat. Nur wenn .der Verleger unentwegt und ohne llnter-
brechung die unverkauflichsten und dicksten Bücher in kostspieliger Aus-
stattung herausbringt, hat er Ausficht, zu den Leliebten DurH-
shnittsmenschen zu zählcn. vor denen man den Hut abnimmt. Dann rst
rs sehr angenehm, Drrlcger zu sein. Deshalb werden manchmal Söhne
ceicher Eltern von wepiger bemittelten Dichtern zu Pcrleger.i cr-
nannt und halten das «rul, ohne jede buchhändlerische V^kenntnisie
solange aus, bis sie den R^ ihres Vermögeus lieber im Pserdesport
zusetzen.

Es darf nicht verschwiegen werden, datz der Verl.'gcr nach der
Anficht einiger gcnmrerer Kenner ein merkwürdig ideal veranlagter
Mensch sein soll, der die Werke der Dichter mit wohlwollender Sach-
l'chkett prüft und sich ron Herzen freut, wenn er ein Talcnt ent-
deckt. das er ans Licht ziehen und durch liebevoll ausgestattete
ausgaben mit -allen Kräften sördern kann. Diefe Ansicht teilen jeccch
nur ein pcmr Schriftsteller, die von dem Werte der Dichtkunst nichts^
oerstehen. ^ < '

Der Verleger hat Mlch seinen Zweck in der Natur. Er r,t dazu
da. Eeld herauszurückcn. Dabei stellt sich Tnesit heraus. datz er nicht
rechnen kann. Er schlägt verzweifelt die Hande über dem Kopf zuscriw-
men, weil er es n'cht ferttg bekommt. auf 1000 Mark llmsatz mndc,
stens 3000 Mk. Honorar herauszmoirtfchaften. Ott ist er sogar so un-
zurechnungsfäbig. datz er die Zahlung von Dorschutz verweigett. ob-
gleich der Dichter ihm haarklein vorrechaet, datz fein Genie unLezahl-
bar ist.

Die TLttglett des Verlegers besteht in ber angenehmm Lektrrre
von taglich 4—6 Roman-Manuskttpten. 3 Römerdramen, 2 Lustlptv-
len und ttniyen Dutzend Eedichtbänden. Da man befürchtrn lcnntr.
datz er die Annehmlichkeit unterschatzt. wird ihm in langsn Ge!eit-
Lriefen ausgemalt. wttchen Hochgenutz er bttm LSsen unbroingt zu
empfindcn hat. Tamen gehen oft soweit, datz sie gkttch selbst mtt-
kommen um zuzuschen. welchen Eindruck sie bei näherer BÄainttschaft
nttt ihren Liebesszenen ausüben.

Der Verleger soll als Staatsbüäger ünd als Auftrnirgcber der
Druckertten und Buchbindereien Eeld verdierven. Hierfür steht ihm in
ausgiebigstem Matze die Versendung von Freiexemplarttr zur Vttfü-
gung. Er hat die Freude, tägli-ch einen ganzen Stotz solcher Be-
stellung^m auf seinem Schrttbtische vorzufinden. Um ihm die Arbett
zu erleichtern, sind diese Beftellkarten rnttst gedruckt und mrr der N»
me des kostenlos verlangten Buches ift ausgefüllt: gur weiteren Er-
leichterung und Portoersparnis werden oft auch ganze Reihen sttner
Verlagswette gleich auf einmal verlangt. Natürlich gebunden. — fur
broschiette Frttexomplare wird Annahme verweigert! Als -Eegeultt-
ftung erntet er dann ttne Kriiik. in der ihm vor den Lefern von
Posemuckel nochpewi'esen wird. datz er wieder mal ein gänzlich wert-
loses Duch h'iausgebracht hat. Oder er seiert ttn Wiedersehen mtt
dem Freiexemplar bei ttnem flicgenden HLichler, wo es zum halben
Pcttse angebcten wird.

Zur Vervollständigung des Charakterbildee sei noch erwiihnk,
datz es auch Vetteger gibt, aus die all das Vorftehende nicht zutttfst.
Sie antwott.m gleichmötzig «rtzerst sttnsinnig und würdigen von An-
fang an jeden, der mal gedruckt werden mvchte, als Genie. Im Gegen-
sotz zn den nücht'-rnen Dettegern, die von Honorar. Auftage. Einbond
und Sahspiegel schreiben. werftti sie mit Tenüen. Eenie, Loröeer usw.
freigebig um sich Ibr Brief kann in der Familie herumgezttgt wer-

den, denn sie bezerchnen es als Vekbrechen am deutschen Gttfte, wer.n
Ä>ie Druckkosten für dieses Me'sterwett dem Detteger nicht umgehend
"eingesandt werdsn. Da die Dummen nie alle werden. hat dieser sehr
geehtte H»rr schrecklich viel zu tun. was sich am beftrn zeigt. wenn
er nach Erhalt des Eeldes sein ttnnehmendes Wesen aufgibt und sür
weiteren Briefu^ech»el keitne Zttt mehr sindet. Bei den Iuttftsn be-
stcht die Ansicht. datz fSr diese Duch-Verloger die Bez^.chnung Strauh-
ritter und Blutsauger zutresien konnte.

2. Der Komnrissionär

Er ist nicht der Mensch mit der roten Mütze und einer Num-
mer dran. der vor dem Dahnhofe wattet. Sonst äber befatzt er sich
mit aller. Aufträgen. d-e man ihm gibt. Daher ift auch die Beschaf-
fung von Dindfgden und Packmatettal seine standige Sorge. Bei Er-
schaffuog der Welt war er als Bind^ilieL zwischen Verleger und Sor-

klmentebüchhllndler gcdacht, er hckt sich jedoch als so nnbrauchbar und
aejchick: crwiescn. Latz seine Tätigkeit inzwischen auf aSes «vreich-
bare unsgedehnt wurde. Sobald an einem Stammtische in Hinter"
PEnern die Frage ausiaucht. wo man am günstig,ten ein Katzcnftll
verLauft, oder wie die neueste Apftttorte sich bewährt hat, sagt der
Buchhäi dler deo Ortes schmunzelnd: „Das weroen wir sehc bald wü-
^ Herreri. da frage ich einfach'bei meinmr. K,mmissioi>är
an! -spgar als Heirolsvcrmiltler ist er schon m Anspruch gencm^-
^vorden: Auch als Bttefmarkensammlcc erfreut e: sich allgemei-
TLertschätzung. lleberhaupt hat cr es sehr mit der Post zu tun:
er ken..L alle Tarife des In- und Auslandes und ärgert fich wütcnd,
wenn er elne Füi'fpseunigmarke entdeckt. wo eine Drttpic".', gmatte
genugt hätte. Er bchcuptet. in dieser Kenntnis läge sesn ganzir
Lerdienst.

. Tite! verrät, sit der Kommissionär ttne ur-

^utiche Einrrchtuilg. Deshalb nennt er seine Auftragg'ber auch nicht
n.unde>:. sondk-rn Kommi'tenten. Diese Auszeichnung bringt es mit
gch. ttlg wiederum cuch die kleinfte Buchhandlung danrch strcbt, ei-
ncn Kcmmisilonär zu haben. während dem Kommissioaär norgewor-
fangen. Sobald sie sich habm. sind sie so
c-lucklrch. datz sie das im Börsenblatt des Deutschen Buchhandtts ös-
^uttich anzeigen. Dann schweigen sie für dis Oeffentlichksit. Bis
ne wieder lmzeigen, datz sie sich getrennt haben oder bis kurz oor der
Pleite der Kommittent dem Kommisiionär ganz rührend dafür dankt,
datz er ihm ttnen Dummen gesucht hcrt, der dis alte Firma in der
b^hsrrgen bewähtten Weise weiterführen wird und den Herren Vcr-
legern zur Eröffnung elnes Kontos würmstens empfohlen werden
kann.

. Der Fefttag des Kommissionärs ist der Donnerstag. An dic-
l<m Tag mtladrt sich irbcr ihn die gesamte Hochflut der Bücher. Zeit-
schttften und Rrindschrttl'eu. di-e er austragen oder verschicken soll. So-
bald ihm nachgewiesen wird. datz er die Sendung auch nur eine Vier-
tclsturchc zu spöt zur Pcft gebracht hat. ist er den Komnrittenten los,
dciin jeder andere Kommisironär rst stets zuverläsiiger und pünktlicher.
Daher freur er sich auch dic ganze Woche lang immer auf den Don-
nerstag.

Dre Veschästigung des Kommisironärs ist eine so vielseitige fast
unergttindliche, dah sich verhaltnismätzig nur wemge Buchhändler die-
sem Fach widmen. Doch die behaupten dann wi-eder, daß es immer
üoch zuviel seien. und datz der Bttmtt an Dindfaden und Pack-
material wesentlich e-ngeschränkt werden könnte, wenn der andere
ihm seine Kommittenken abtreten würde. Der andere will nur nicht
ttnsehrn, warum geiade er dettenige welcher sttn soll.

3. Der Sortrn^enter

Der Cortimcnter ift der Mann, dessen GeschaftSrüume die An-
wisicüheit vft ein „Buchladen" nenrrt. Worüber er in höchsten Zorn
Lcrät, da er de.i Duchhandel sowohl Lttm Verleger als auch beim
Kvmnvisiionär gründlich gelernt hat und als geblldeter Mann ficher
iricht für eiüen Apctheter den Ausdruck „Medizinladen" gebrauchen
würde Wer mit rhm geistige Gemttnschaft halten will. mutz fich an
L-rn schönen Name'i Svit-menter gewöhnen oder fich mrndestens ein-
prägen, datz es Buchhandlung htttzt.

Der Sottrmenter rst der fabelhafteste Mensch von der W«lt.
Er ist der ttnzige, der die Frage: „Bitte. hören Sie mal. ist dies Duch
auch wirklich gut?" in je-dom Falle sofott und überzeugungstreu mtt
„Ia" beantwottet. Da er die Erfahrung gemacht hat. datz dies Buch
auch gcnommcn wird, wenn er die täglich hundertmal wiederkehrende
Frage mtt ,Mttn" erledigt, so lächelt er rrur, sobald man chn bewun-
dett, datz er all die vislön Bücher gelesen habe. Zu lesen braucht er
nicht, denn das besorgt für ihn die Kundschaft, dre nichts anderes ver-
langt, als datz er zu ihrem Eeschmack begeistett „Ia" sagt.

Der Sottrmenter steht dem Herzen der Düchett?ebhaSer näher
als der Kommisiionär und der Verleger. Na^xmr es gelungen ist, die
deutsche Literatur zu entdecken, weil die Leberwürste und Torteu
knapp geworden sind, hat mancher Leser engsre Vezrehungen zu sei--
nem Buchhän-dler angttnüpft und ihn dabei schätzen gelernt. Er
stellt nicht nrehr die Dutzendfrage. ob das Duch, das er trotz ja oder
nein unbedmgt doch kaufen will auch wrrklrch gut sei. sondern er ver-
rät dem Sottrmertter. in welcher Att und zu welchem Preise er ttn
Buch sucht. Dabei hat er -die noch überraschendero Entdeckung ge-
macht, daß der Buchhändler auch wirklich ttest und nicht vor dem Ee-
nutz seiner Ware eim unerklärliches Grauen empfindet. Bei dieser
nsueren Kaufatt entwickelt sich zwrschen Sottimenter urrd Käufer ein
nahezu freundschaftliches Verhültnis: der geivinnende Tttl ist dabei
der Leser, denn dein Sortimenter kann es meist ganz glttchgültig sein.
welches Buch er verkauft.

Der Sottimenter hat nvch andere gewinnende Eigenschaften. Er
zählt zu den grötzten Menfchenkennern. Er sieht es bttnahe jedem an
der Nasenspitze an. welches Buch für ihn patzt. Sobald man nur den
Mund auftun will, wtttz der richtige Sottimenter mindestens schon,
spiele und einige Dutzend Gedichtbäride lesen müsien, sämtlicher Der-
leger einstürmt, die täglich 4 bis 6 Romane. 3 Römerdramen. 2 Lüst-
spiele und ttnige Dutzend Gedichtbände lesen müsien, sämtljcher Der-
leger. die in SchulbüHern, Wisienschaft oder Landkarten Absatz suchen,
sämtlicher Vetteger, die in Klassikern. Memorren. Brieftoechseln. Reise-
handbüchern. Zeitschristen. Luxusausgaben ihr Heil versuchen. kann
er unmöglich Zttt zum Essen u. Schlafen finden. wenn er uicht ab und
zu mal auf das Lefen eines dieser Bücher verzichtet. Was drrnsteht,
weitz er trotzdam. Er ettuuett sich genau der Worte, nrit denen der

Verleger das Duch angepriesen hat und er weitz durch Verglelche und
Ersahrung, wie weit den Angaben dieses Verllgers zu trauen rst.
Sein^Cedächlnrs glttcht einer Mammutschubladc iiut Millionen kltt-
ner ftächer, in dönen die Gedanken all der Leute, die irgendwann
und irgendwo mal etrvas geschrieben haben. aufgespeichett sind. So-
bald man seinen Nat hören will, öffntt ec lächelnd und ohne jede
Anstrengung das passende Fach und trifft Lei seiner Menschenkenrttnis
sttts das Richtige.

Wer dem Sortimenter das Geistige nicht gönnen will und ihn zu
den Kaufleuten rechntt, dttn ist nicht zu helfen. Wenigstens solange
nicht, ais er kttne Ettegenheit hat. in die Geheimnisse der Buchfüh-
rung ernes genialen Sottimenters erndringen. Wo airdere ein
Dutzend Hauptbücher brauchen, genügt diesem Eedächtniskünstler die
halbe Rückseite eines Verlegerzirkulars, das deshalb für diese Zwecke
mttst unbcdruckt blttbt.

Eine besondere ALart des SortimenLers ist der Antiquar. Ist
er trotz Lreses Namens neu. dann erfreut er di-e Schuljugend damit,
daß er ihnen nach und nach den Bücherschrank des Valers lebren hilft
und möglichst schnell airdere Dücherschränke zu billigsten Prttsen füllt.
Ist er wirklich alt, dann hat er auch die Gewohnheit des Alters, sich
von seinen Schätzen nicht trennen zu lönnen. Ieder. der ihm etwas
abkcurfen will, ist sein persönlicher Feind, und richtig wohl fühlt.er
sich nur, wenn am'Abend alle seine Bücher wie.der einen Tag äner
geworden sind.

Rttn als Mensch betrachttt, hat der Sortimenter eine fast un-
natürliche Eigercheit. Sobald er verheiratet ist, fühlt er gegen April
das Lrrngende Vedürfnis, den ersten Maiensonntag in Leipzig zu ver-
Lttngen. Er rüstet sich dazu reichlich mit baren Gttdnntteln aus und
macht sttner Ehehälste klar. datz der Kantatesonntag vom lieben Gott
eigene für die Buchhändler bestimmt sei, damit sie alle zusammen sin-
gen un- fröhlich stten. Das Singen scheint nach unp nach aus der
Mode gekommen zu sttn, für das Fröhlichsein sorgt jedoch der Leip-
ziger Kantate-Fsstausschutz heute norh. auch wenn dcr berühmteste
Kantal-ebesucher — der Heidelberger Petters, der in seiner
eigenen, zum Klingttbeutel umgewandelten Hose mit nie ermüdendem
Eifer Geld für den llnterstützungsverein sammelte — in den Buch-
händlerhinimel oersammelt worden ist. — —

Aus mttner llntersuchung ergibt sich hofsentlich unstreitig. kmtz
die Duchhän-ler — der Berleger, der Kommissionär und der Sotti-
menter, samt denen, die bei ihnen arbeiten und auf die ich meine
weitere llntersuchung auszudehnen gedenke — tatsächlich zu den Men-
Hen gerechnet wer^n dürfen. und datz nur die UnklarheU Hrec
Tttel chuen bisher die verdiente Würdigung vorenthislt.

Nur einen aus Millionen»..

Erheb dich wie aus einem Mund'e,

Du Schrtt der Not nach einem Mann!

Das deutsche Fahrzeug geht zugrunde» .

Es fing schon tief zu sinken an;

Schon bog es hoffend um die Klippe, '

Dem Hafen nahte schon der Zug,

Da fiel auf der Vemannung Sippe
Der Wahn, wie er noch keinen schlug.

Sie ritz herab der Einheit Fahne,

O unerhörte Meuterei!

llnd jeder schrie in seinem Wahne:

So bin ich stark, s o bin ich frtt! —

Du herrlich Schiff, so hoch getragen,

Ist's möglich, läßt es Eott geschehn»

Datz du zertrümmert und zerschlagen
llnd rettungslos sollst untergehn?

Tritt aus der Führer wildem Zauken
Kttn so anttker, ganzer Mann,

Der den unsterblichen Cedanken
Der deutschen Croße fasien kann?

Der ohne Ansehn und Erbarmen
Austrttbt den schnöden Sonderguark,
llnd dann mit unbeugsamen Armen
Zu runden weitz die die deutsche Mark?

Nur einen aus den Millionen,

So weit die deutsche Langnmk haust!

Zum Heil der Völker und der Thronen
Nur eine eisern harte Faust,

Die wre ttn Blitz durch alle Crade
Empor sich zum Diktator schwingt -
llnd die Rebellen ohne Cnade
Ins starre Ioch der Einheit zwingt..,

Iohann Ceorg Fischer
(Cedichtet zwischea 15L0 rmd 18SV).
 
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