Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0655
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext


>iel i

2 ükte„.

Mittlvoch,

Spielplan


istt"

nachnnitag- r>,, ujr
^ Prinzesstn Herzlitb

Don„trjtas,1.2m,r
abtnds 8>„ Uhr

Äußer Mietr.

„Don besar"

: Freita-, den 1. JlUlM
! abtNdS 7 Uhr

1ä. Borstellung. D!Irt! 8

Tie

- tanzende Nympht"
i Montag, 5.Jan.M

abrndS7Uhk

Lolksvorstellung zuench
Preisen

nm» „T«s W'tttt
egend Liebe",

Trauerspiel in E'

^'uter^onFranz«^

^ Mannhri^

„Ein° M-Ht i"A

wi« '

app-

1634

.152

cravalleria rus!"

"^LrS-W',.

leickt

'nata.

Lo 6-
-btef- Don'
9219.

's-rlSk».

.rK°i"c

L

'§!5»

>er

lm


Oitti--^b

D°-

Mittwoch, den 31. Dezember 1919


s?..

chttö

rör-^.5V>.»

9582 ^ gl. ^/Ps;l'u

' -sK

vadische post — Nr. 364

2. VNlage

Weiberwirtschaft

Der sogenannten deutschen Revolution
sehlt jeder erhabene ideale Gedan-
lenflug. In Wirklichkeit war sie eine Mi-
sitärrevolte und artete aus zu einer großen
gMensuggestion und Lohnbewegung, die jetzt
,läch einem Iahre im Sande der krassesten Un-
fähigkeit oerlaufen ist. Das Ausland, das
uns „noch iinmer hold gesinnt" ist (siehe Cle-
mcnceau-Noten?). nach Ansicht gewisser deur-
scher Pa—pa—geien, hatte ja seine Freude
dran (das war der geheime Zweck der Uebung!)
u„d die ganze Mache (vgl. Dr. Cohn, der „keine
(pelder erhalten hat; übrigens haben hierin
Lngland, Amerika und Frankreich, zwar nichr
Dr. Cohn gegcnüber, aber anderen „Patrioten"
ein sehr „weites" Herz gezeigt), wurde von
den verschledensten „Freundes"-Seiten unter-
stützt. Jm Nebelqualm dieses berauschenden
Fcuer- und Vlendwerks erhielt der gure
dcutsche Michel seruen blutigen und zugleich
crilüchtcrudeil.Schlag ins Genick. Der gesund
gcbliebeile Menschenverstand des Volkes lehnte
diesen Höllen-Wahnsinn mit Recht ab uud sah
sprachlos dem Narrentreiben in den Städten —
die Bauern lehnen noch heute die ganze Revo-
lution ab — zu, das unrettbar ins Verderben
tr'eiben mußte.' Mit der grotzen französischen
Ncvolution hat die dcutsche auch keinen Feder-
strich gemein. Während jene trotz Verkündung
rer internationalen. allgemeinen Menschen-
rechte im innersten Kern ihres Wesens tief na-
tional war und zur „einen und unteilbaren
Frankenrepublik" führte. schreit es in Deutsch-
land alle Augenblicke aus einer anderen Ecke:
Los von Berlin, von München. von Preuße,..
von Bayern und gar von — Deutschlnnd! Wir
haben ein Chaos, eine chaotische Nepublik. In
der Tat cin geniales Geschöpf! Der blutrote
dcutsche Michel, der mehr schamrot sein sollre,
hat Alles, selbst seine Badehosen über Bord
geworfen (ich meine nicht die Badehosen des
Herrn Ebert,' denn auf der englischen Photv-
graphie mit der Unterschrift „Ebert beherrscht
die Wogen!" hat er sie noch an) und ließ sich
so international zustutzen, daß ihn jetzt auch die
Orang-Utangs in Afrika getrost zu den Jhrr-
gen rechnen können, ohne sich zu kompromittie-
ren. Als Nachfahren und Parallelen zu jenen
Männern von 1789 können sich also unsere
deutschen Revolutionsmacher nicht rechnen,
obwohl sie cs in der Oeffentlichkeit und jetzt
teilweise hinter Schloß und Niegel so gerne
luu. Sic leiden alle an einer fixen Jdee, diese
verschrobcnen Kaffeehauslitecaten, Klubsessei-
proletarier und Hurra-Sozialisten. Der Streik
and eine an galoppierende Schwindsucht erin-
nernde Unterbilanz, aber auch in allem, waren
das Hdchstc, was sie leisteten. Wucher, Hunger,
Lug und Trug sind die „leuchtenden Sterne"
dcs verhießenen Himmelreiches auf Erden, uilv
geschoben wird in Deutschland, daß es nur so
kracht. Daneben geht eine Laxheit und mora-
lische Unsicherheit einher, wie sie nur aus der
heißen Stickluft der spartakistisch-komnrunisli-
schen Zauberkiste entspringen konnte, von den
venerischen Krankheitserscheinungen, die zum
Kapitel „Errungenschaften" gehören, ganz zu
schweigen!

Im Revolutionskarneoal sind eine ganze
Reihe von Helden über die Bühne geschritten.

Aber auch an Heldinnen hat es nicht gefehlt.
Von der „ilaiven Kleinen" bis zur „ausge-
wachsenen Vogelscheuche" sind sie vorübergeflat-
tert und haben mehr oder minder „g'eliebt"
nnd „politisiert". „Politische Frauen" im
Sinne jener leidenschaftdurchglühten, über der
Partei und der Masse stehenden Herzens- unv
Geistesgestalten von 1789-92 haben wir nicht
gehabt. Wo ist eine Etta Palm-Aelders,
Olympe de Gonge, Theroigne de Mericourt,
Madame Robert, Frau v. Stael, Madame Ro-
land? Zwar residierte in Braunschweig als
Kultusministerin eine Frau Faßhauer. ehe-
mals Dienstmüdchen, Waschfrau, zuletzt Logen-
schließerin in etner Flimmerkiste, während ihr
Gatte August Merges, ehemals Flickschneider.
Präsident der kommunistischen Tollhaus- und
Schellenkappen-Republik Vraunschweig war,—
zwar begleitete in München auf Schritt und
Tritt die treubesorgte rustische Agitatorin Sa-
rc,h Nabinowitsch ihren, dem Bayernland ewig
unvergeßlichen Kurt Eisner, der sich nicht ge-
nug für die Vezeugung der alleinigen Schuld
Deutschlauds ereifern konnte und dem wir ein
gut Stück des blutsaugerischen Versailler Ge-
waltvertragcs zu verdanken haben, unter dem
wir über alle Parteiprogramme hinweg bitter
leiden, — zwar peitschte in Berlin Rosa Luxem-
burg im Verein mit Karl Liebknecht die Volks-
'nassen auf, aber wo blieb die geistige und sitt-
liche Erneuerung des Volkes? Man hörte nur
vvn flammenden Protesten, Dauerstreiks,
Plünveruugen und — Eseleien.

Von politisierenden Frauen beschüftigten im
Frühjahr mehr oder weniger die Presse: Gräfin
Henriette (Hetta) Ftschler v. Treuberg, geb.
v. Kauffmann-Asser in Berlin und die mit
Gustav Landauer eng befreundete und zu Ernst
Toller in „literarisch-freundschaftlichen" Ve-
ziehungen gestandenhabende Münchener (jetzt
zur Abwcchslung Berliner Schauspielerin) Tilla
Durieux, die graziöse Gattin des millloner»-
reichen Verlegers der revolutionüren und kom-
munistischen Literatur (zur Abwcchslung!).
Paul Eassirer-Berlin. der jetzt die Kautsky-
Enthüllungen um schweres Eeld an England
verhökert hat.

Im Vereich der Münchner Näterepublik, un-
ter dem Triumvirat Lewin—Levine—Toller
und der kraftgenialen „Einheit" Erich Mühsam
blühte ein ganzer Damenflor. Der Münchener
nennt diese Schmetterlingsart „Madschakerl".
auch „Waibsbilda" und „a Menschn". Levines
kleine blonde Freundin, das romanhafte „Mäd-
.hen niit dem Titnskopf", konnte so entzückend
ihre blauen Sternenaugen verdrehen. Die
Malersgattin uno Stenotypistin im Wittels-
bacher Palais Luise Sch ... trat im Leoinepro-
zeß ihrem „idealen" Freunde gegenüber noch-
.nals als Zeugin auf. „Nosen-Lipp", der ga-
lante Minister des Aeußern, ließ sichs, wie er
in der Straßenbahn eifrig erzählte, monatlich
einen Hunderter kosten, um seine Tippfräuleins
mit Rosensträußen zu beehren und sie bei guter
Laune zu erhalten. Diesen mehr unschuldigen
Geschopfen stehen die Hyänen - Weiber vom
Luitpold-Gymnasiunl gegenüber, echte Wede-
kind-Gestalten, die zigarettenrauchend, zynisch-
kächelnd der grausamen Ermordung der Geiseln
(Grüstn Westarp!), zuschauten und die Sol-
daten noch dazu aufreizten!

„Das Ewig-Weibliche zieht uns - hi n a b!"
So sieht es in der deutschen Republik aus. Wie
steht es in den besetztcn Eebieten mit
der „Nheinischen" und der „neutralen pfäl-
zischen Republik"? Abgesehen davon, daß sich
deutsche Frauen und Mädchen in Wiesbaden
den Franzosen wie Handtücher zur Verfügung
strllen, die an ihren haremsweise mitgeführten
Pariser Kokotten anscheinend nicht genug ha-
vcn. spielen im politischen Leben auch hier ge-
wiste Frauen eine nicht ungefährliche und un-
verantwortliche Rolle. Die Franzosen haben
hierin große Ersahrung. Sie sind Frauen-
kenner!

Es war zu Eeneral Custines Zeiten, um
1792, als in Mainz des Nachts Carolina von
Schlegel auf Flügeln der Liebe ins Schloß
eilte, wo der General residierte. Unter Custine
hatte man es ebenfalls mit einer rheinischen
Republik versucht uud 1797 wollte man sie tat-
sächlich ausrusen. Unter 'oen heutigen großen
rheinischen „Männern" soll Dr. D o r t e n gern
mrt gehenunlsvollen Damen zusammenarbei-
ten. Cherchez la femme! Dies trisft ganz be-
sonvers bei den „Freien Pfälzern" zu.
Mir liegt u. a. ein Flugblatt aus der Pfalz
vor. Da steht über den „Präsidenten" Dr.
Haaß u. a.: „Seine Frau, geb. in Holland,
erzogen in Velgien, spricht französisch. Seine
Tochter (Elvira) war in Holland vor 2 Iqhren
wegen Abtreibung angeklagt. Eanz Landau
kennt die Beziehungen beider Damen zu fran-
zösischen Offizieren." Bei Schenk heißt es:
„Die Familie ijt wegen eines Ehebruchprozesses
bekannt geworden." Vei Dentist Rall: „Seine
Frau ist in der französischen Schweiz — Neu-
chatel — geboren, hat während des Krieges
ihren Sympathien für Frankreich dadurchAus-
drück gegeben, daß sie ihre Wohnung mit fran-
zosischen Fähnchen dekorierte. Die Frau stand
im Spionageverdacht." Die Franzosen benütz-
ten diese Dame nach dem Nezept: der Zweck
heiligt die Mlttel. Durch der Liebe Kabale und
Koketterie geht die Politik. Bei dem durch Ge-
neral Eerards Buch bloßgestellten Herrn
Richter soll die galante Gattin öfter anstelle
ihres Mannes die Hosen tragen. Zum minde-
stcn amüsiert sie sich gut mit den „Messieurs."

Ein Kapitel für sich ist dcr Fall des Dr. Fei-
belmann. Etwas Charakterloseres läßt
sich nicht denten. Ein Mann, der ein „Deut-
scher" sein will, bittet eine französische Sänge-
rin im Beisein französischer Osfiziere, die
Marseillaise zu singen. Daß er sich
ntcht noch vor ihr auf den Boden gelegt hat
und sie angeheult hat. würde gerade noch feh-
len! Nach dem Gesang, als eine Verlegenheits-
pause eintrat, „brach der Anwalt das Schwei-
gen" mit den phatctischen Worten: „Die Kunst
hat kein Vaterland uud übrigens, findet sich
Ihre Marseillaise nicht bei Schumann? (Unv
zu seiner Frau gewendet:) „Luise, spiele doch
den Herren das Stück von Schumann oor!" —
(Ich glaube, der Kommandant irrt sich. Sie
heißt doch Adelheid?) In einem solchen Falle
hat die Kunst schon ein Vaterland, nur. scheint
Herr Dr. Feibelmann keines zu haben! Was
hätte Dr. Feibelmann seinerzeit als Vorsitzen-
der des Arbeiter- und Soldatenrates gesagr,
worauf doch Iacqot leise anspielt, wenn sich
einer unterstanden hütte und hätte „Deutsch-
land, Deutschland über alles" gesungen? Der

Kommandant Zacquot gibt bei dieser pikanten

Eeschichte dem deutschen „E-Ehrenmann"

die richtige zynisch-sarkastische Ohrfeigel ^

Dcm ganzen Revolutionswust und würde-
losen- Herumwirtschaften — ich weiß, daß ey
noch Hunderttausende deutscher Frauen unv
Mädchen gibt, die in aller Stille wahrhast rin-
gen und streben, kämpfcn und leiden und mit-
helfen an der sittlich-politisch-nationalen Wie-
dergeburt des deutschen Vaterlandes —, beson-
ders den Frauen im hesetzten Eebiet möchte ich
eine Frauengestalt ins Eedächtnis zurückrufen:
Liselotte von der Pfalz! Trotzdem ste
als. Eemahlin Herzog Philipps von Orleans in
nächster Verührung mit dem verderbten und
ränkesüchtigen französischen Hofe ständ, behielt
sie doch ihr munteres pfälzisches, reines deur-
sches Herz, sie hat es, wie sie selbst sagt. „jeder-
zeit für eine Ehre gehalten, „eine Teutsche zu
sein!" Auch sürderhin sollen „deutsche Frauen-
Ehre^und Trcue" blühen, s i e s o l l e n i n d e r
Weltbehaltenihren guten alten
Klang!" P.

Die Futterkrippe

' Jn der ZeitsHrift „Die Ee.mein'schaft", dvm Or-
aan des dentschen Beamtenbimldcs, finden roir fol-
üc-nde Notn:

„Wie von der Arbeitsasmein-sch-.rst Tlrüringer
Beanrtonverbänds mitgeteilt wr.d, strld bernr
Landratsamt Schleiz soit einigÄ Zeit 5
Perfonen a,us dsm Arbeiterstanid«, lind -roar 2
Tischler, 1 Metattarb-nter, 1 Wsbor und Miasch-
nenmeister. rur Ausbildung als msttlere Boaimte
angsstellt worden. Diese „Anwärter" sind Mit-
glioder der so.zialoeiinokrati1chcn Partei, baben
Bolksschulbisdung und sind 28 bis 43 Zcchre alt.
Seit M.fang August ist noch oin woiterer Anwär
ter, non Bevuf Mehgehilfe .cnigcstcllt worden.
An Vovgütung bestobon diose Anwäcter lür dio
Zckt ibrer rnfovinatorischen Beschäftigung mona,.
lich 350 daneben eine Zulage von 100
wonn sio nuswärts wobneu und deshalb dovvel-
ten Haushalt führcn müsien.' Die E'mistollung
der Anwärter fft'um so auffälliger, als nach
einer Verfügung dsx Landesregierung vom Avri!
1019 wrLen Ueöerfüllung dor B eamr t e n<-
laufbabn neue ' Anwärtor nicht angeirom
me>. weiden sollen nnd oesbalb das ESsuch eines
Zi'vvlanwärters um Annahmc Cnde Avril 1919
avgelohnt worden ist. Auherdem Isk dielAn-
nahme dcc Älnwärter aus dom Arbsttevstande na-
tuvgemäh ein grob:!r Vorstoi; gegen die Vorschrff-
ten der Personalocdnung. da die oorschchriebenen
An"abmcb'.ding'.'ngS'k in keiner Hinsicht
crfüllt sin-d. Rabtfertig n lcfft er sich cruch
nicht, den Anwärtern cstie Lergülirng in einer
Höhe zu zablen, welche dem Gehalt von älte.en
Boamten i'ngsfäbr gstichkommt. Die Evregung
dck Berust'b'.'anltcn übcr das Verfabren ist groü
und w'rd nicht obns Folgen bleiben. falls die
Rügiecung keine zufri'Äcnstellende E'.'klärung ab-
zuaebcu vermag."

Jn Berlin erzählL'-ma'l sich übrigens, dak die
sosialdemokrarisihen Mitsl i ed e r der
Relchsrcs'.erung eine Erböhung th or G -e bä b
i e r beanlraat baüen. weil ibre bisbcrigen Bezüge
lür die Nevräsontatioil >''!) nicht ausreichten'. Affo
wie bei d:>n lieben Freu >den, dmr Zentnum: wer
den Krummstab bat, ieg,u.t sich suevst!

Lheodor Fonlane als Seher und
Lröster unserer Mederlage

Zum hundertsten Geburtstag Theodor Fon-
taues hat Ernst Heilborn bei S. Fischer in
Berlin das „Theodor-Fontane-Buch" heraus-
gegeben. Es enthält viele bisher unbekannte
Köstlichkeiten aus dem Nachlaß des Dichters,
seinen Vriefen und Tagebllchern und eine fein-
siunige Charakteristik Fontanes aus der Feder
des Herausgebers. Als einen der Züge des
Dichters nennt Heilborn Fontanes „Hell-
sichtigkei t", die u. a. den Untergang Preu-
ßcns voraussah. Heilborn führt dafür folgende
Briefstellen Fontanes an: „Das Eroberte kann
wieder verloren gehen. Vayern kann sich wie-
der ganz aus eigene Füße stellen. Die Rhein-
provinz geht flöten, Ost- und Westpreußen
auch, und ein Polenreich (was ich über kurz
oder lang beinahe fllr wahrscheinlich halte)
entsteht aufs neue. Das sind Dinge, die sich,
„wenn's los geht", innerhalb weniger Monare
vollziehen können. Soschrieb Fontane
1893. Ein andermal: „Wie so oft, wird ein
sich aufmachender Wind dies Wetter sehr wahr-
scheinlich wieder vertreiben, und wenn dies ge-
gen Erwarten nicht geschieht und die Gefahr zu
Häupten stehen bleibt, so werden die ungeheu-
ren Machtmittel Englands vielleicht, ja
sogar wahrscheinlich, ausreichen, aus all den
umdrohenden Gefahren siegreich hervorzuge-
hen. Aber dieser Sieg kann nicht daucrn (1897).
Endlich schrieb Fontane auch: „Es schader
einem Volke nicht, weder in seiner Ehre, noch
in seinem Glück, mal besiegt zu werden, oft
trifjt das Gegenteil zu: Das niedergeworfene
Volk muß nur die Kraft haben, sich aus sich
selbst wieder aufzurichlen. Dann ist es hinter-
her glücklicher, reicher, müchiiqcr als zuvor."

Franz Ferdinands Lebensroman

Von Hanns Martin Elster

Es berührt den nachdsnksaimon Beabachter dsv
Gegenwart nnld der in i'br agiereiiden Psosonien
nrerkwürstiii>a, datz gerave der Mlann, mit drrssen Ev-
mcrduing die Katästrovhe doc alten Welt eiiffetzto,
zu den nnbekanntelsten M-snschen seimer Gsnerativn
gczählt bat, und datz auch bente nur e»in>iae ws-
istso Eingewevhte Näheres von seiner Peffönlich-
ksit und loinom Lriben wissen.

Gs fft von ciner tieferen Bedeutimg. nun durch
ein Merk dcr bekannten Lntzschsln Memoirenbiblio-.
tbeE*) in Stuttaart unter dem Titel dteses Auf-
satzes zu erfabren. welchcj Peeisönlichkeit. welcho
seelischen Grunvlagan und Evfchei.nungsformen.
wslchs Art Mann nnd Fürst zu dem Sammelpunkt
idss Häsias der Balkanwelt gagen All-OeistVrrsich
werden konnten. Endltch werdan uns di« mofften
Fra.sen Mer dte Persönlichkott dos ErAhdiAoa-
Dhronsolger s» ausreichend beantwortet. isatz mmn
sich ekn klares Bild vcm Ebaräkter. Wirken, vom,
der Bodeutung und dsr Zukunftsaussichl Franr
Ferdinanlbs gowinnen und auch eivksnnven kann, wiv
tief der Mord Oesterreich-Ungarns LcLöivsuerv
traf. Das Buch, geichrtciben nach Tagebuchlblätlevn
und Erinnerungen des Profesiors, der otnst «äch des
Kronvrin-en Nildolf vlötzlichem Tods dent nun-
mebr'.gen. damals 26iährigen Thronfolgeir in das
we>ite Gebiet der Geschichte, Staatqw>ist«n,jIchalf1eN
nild Politik tilfer einfäbrte und ;um vsrtiriautcini
Fremrd nnd Vcvater -es Füvst-on wurde. ltest stch
gut in seiner flüffigcln Form, tlwren Aiffchaiultchkeit
Und Schicklichkoit. Karl Hans DtnoM schriob ein
lcdendiges Geleitwort dazu.

Der österroichffch u»,aarische Thronsolgvr fft keäu
alltüalicher Mensch geweson, Schon sein Lelbens-
lauf zeigt ibn als eincm Mann vön oilgenoil Wegen,
der sich nicht ledom Zerainoniell uffvt icder Vav--

jchrift untevwirft. Die wenigen M!ale, an dqn-e'.'.
er beroortritt oder ru einzel'non Fraaen Stellnna
niinmrt, wsffon immäu wieder auf eine von aller
Enffeitbgkeit und Parteilichkeit sroiq, urtvilsfäbige
Pcisönlichkeit, sodatz iihn bald b>ie Alldouffchsn für
sich in Anspruch n lbmen. ohius es doch aus die Tmcor
tun zu könncin. Gbenso blieib das Urterl über
Fr,anz Fevdinands Menschentum angewiesen auf ei'U
paar Zufälliäkoiten, ein paar Klatschgclschichten
un.d wenjge Fpdbskretioncra >.,or Hefkroise. es fand
iste festen Untergrund.

Erzherzog Fvan» Fevdinands Bodeutung beruhte
in jeinclm allck; bohorrschc'nden Lebensernst. der
serne sbgontlicho Natur bbldete. Aks nun, für 'rhn
stlbst gans wider alle Vovaussicht, die Aufgabe des
Tbronfolgaramltos an ihn herantrat, wbdmeie er
stch thr mit sainger Hingabe, mit dem Eifer seiner,
Jung»mnnsja>hre. Er batte feine Zugsniü- und
Zünglinsszeit nicht vertändslt.

Das größte Ereigms für rbn mährend seiner
ersten VoÄberoitung-Mt aqf das Dbvonfolgvramt
wuvde dbe Reffe um die Erde an Bord des bei
Dsingtäu 1914 im Kampf untergogangenen öster-
reichffchen Kreuzers „Ka'fferin Elisalbeth" im Jcchre
1593, dte er sich gegen den Midefftand des Kaistrs
Fvanz Jdsffvh mit Unterstützung dcr Käiserin Elisa-
beth loidenschaftlich erkämpft hatte.

Dcr thm ebgonen Energie sollte soin pcffcn-lich-
lles Le/beinsülÜck noch genug badürfen. Schsn in
Prag hatte sich scin „Herzensrmnan" ainiaesponnsn.
Auf einam Ball des böhinischen iStattbalters hatte
er dlöei G>En Sonhio Ehotek kennen und sväterhin
bei häufigen Bogegil'ungen, besonders in Pr.hburg,
lieden gslornt. Es war e-iircj hariv Aufgabe, diese
Nelgunig zu Uorl Mirklichkelt einer inorganatffchen
Eihs durchzuzwingen. Fr-ans Ferdinand bffchtigte
alle Hentmnisie: die Gräfin trat als JiUvstin, svä-
tor als Herzogln Hobenberg neben ihn uffd murde
drei Mistter ssiiier divei unobenbiirtigen Kinder.

Wio der Ersberzog in dieser Besiehung für die Ach-
tung uick» Cbre seiner Frnu eintrat, Zvugt sÄr se'ne
Charäktsirfsstigkeit.

Wenn auch der Dhronsolger nicht c,n der Politik
irgendwie und -wann toilnabm, so hatte er sich doch
e'm klares politisches Msltbild ermovbeu. das ck-nem
Prosramim gleichkam, -ai.ffälligeiwe'ffe abe. nbo dcr
Oesfentlichkeit bekannt wurde. Auf iener TveU^
rck'e wur)v.s ih,n> die „konträro" Rsejererei in
Oesterreich und Ungarn ofsenibar, wie sie dort zu
eincr bmmsr rvsiteron Veüdränguug dos Deutsch
tums, hrer zu e'mor dauernden Vcrstävkuna und
Sa,mMluii,g alles Ma^iarischen sühsto. Aus dichcm
Zwiespalt entwickelte sich fiir ibi^ die Vovstellung
von e'mönr c/rneuten, starken Grotzöjterreich. Ain-
lätzlich der Annerion von Bosnien und der Herze-
gowina sab er Senbiens Ziele tl.ar nor sich uny
sprach sich scharf dariiber nus. Die Serben mutzten
iir ihm den Hauptfein,d ihrer Plüne sohcn und ba-
ben vhn deswogen auch gefällt.

Die Grundzügo söiner Politrl ontbüllten jich in
den vorliegenden Eriiliiei.ungen: er wüiffchts den
Au'7-gleich von Volk zu Volk i,r seinem Rerchei.
Abcr „kernesfalls darf oln Atom des derzertigen
d^utschen Besitzstandos oerloren geben. im Gegen-
teil, wir inüjsen dsreinsi zur gesetzlichen deutschrn
^Staatssprache vordrrngen. Die Einko'st. die ich m
lder Armee foi.dere, die mutz ich auch iir der Vev-
waltung fordern."

Durch dies Evinnevungsbuch erkennt nraiq, >:>atz
mit Franz Fevd'nrand eine Krartquelle ans dem vo-
litischen Leben der Völler geriisen wurde. die vieiv
Segensreiches bätto spendsti kömien. Oestorreich-
llngann wurde in der Tat mit diesenr zukünftig^ir
Kaffer allea Z"!kunftsnröglichkeit auf Einheit be-
ranbt'. der Sobn des Erzherzogs Otto, Kaffer Karl,
war ider Aufaabe nicht inr Etttfsrntestea gemachsen,
zu dcren Lösung ein ganzsv Mann und >sine Prr-
sönlichkeit von grötzerem Ausmaü gebörte.
 
Annotationen