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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 20.1885

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Heft 22
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https://doi.org/10.11588/diglit.61341#0511
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Hrst 22.
hat Talent! Du weißt ja, wir brauchen Baumeister!
Was schneidest Du sür ein Gesicht, Golowkin?" fragte
er dann den Anderen, der an dem ersten Schluck
Branntwein ersticken zu wollen schien, „der Brannt-
wein ist schlecht, Du hast Recht, wir wollen besseren
haben. Alte!" rief er, „hole die Schälchen und bringe
vom Besten!"
Die Wirthin musterte ihre Gäste noch einmal von
oben bis unten, dann holte sie langsam vom obersten
Brett eine Rumflasche herab und sagte halb vor sich
hin, halb zu den Güsten: „Er ist theuer, der Rum!"
„Na, Brüderchen," lachte der Gast, „der scheinen
wir allesamMt wenig zu gelten! Nun wollen wir auch
eine tüchtige Zeche machen!"
Die zehnte Stunde war längst vorüber, als die
Gäste an den Aufbruch dachten. „Alexiewitsch, Du bist
reich," sagte der Große, „Du kannst für uns bezahlen,
ich habe kein Geld bei mir!"
Der Angercdete zuckte verlegen mit den Achseln.
„Na, aber Du, Michailowitsch, kannst gewiß aus-
legen!" wandte sich der Große an den zweiten seiner
Begleiter.
„Ei, Herr, als Du befahlst, daß wir mit Dir die
Newakanäle untersuchen sollten," erwiederte dieser, „habe
ich das schlechteste Zeug hervorgesucht, was im Hause
roar, aber daran hab' ich nicht gedacht, die Börse ein-
zustecken!"
„Bei St. Peter, meinem Schutzpatron, was thun
wir denn nun?" lachte der Große, „sag' Du's der
Hexe, Golowkin, Du bist Rechtsgelehrter, daß wir kein
Geld haben, und ihr morgen zahlen wollen!"
Die Wirthin hatte ihre Gäste nicht aus den Augen
gelassen: das heimliche Getuschel schien ihr gar nicht
recht geheuer, sie trat an den Tisch heran und fragte
nach ihrem Begehr.
„Hm, hm," begann Golowkin zögernd und verlegen
hustend, „wir haben unser Geld vergessen und —"
„Euer Geld vergessen!" schrie die resolute Frau auf,
„na, da haben wir ja die Bescheerung! Haben eine
Zeche von über einem Rubel gemacht und nun haben
sie kein Geld! He, das habt Ihr wohl nicht vorher
gewußt? Na, die Schliche kennen wir! Wer bist Du
denn, he?"
„Ich bin der Großkanzler des Zaren!" antwortete
der Gefragte.
„Na ja,. Du sähest mir gerade danach aus!" höhnte
sie, seine schäbige Kleidung musternd, „willst Dir Wohl
noch ein Späßchen machen, nachdem Du eine arme
Wittfrau geprellt hast. Aber hüte Dich nur Bürsch-
chen, drüben an der Dreifaltigkeitskirche ist eine Wache
von Marinesoldaten, die uns der gute Zar zum Schutze
gegen solche Leute, wie Ihr zu sein scheint, aufgestellt
hat! Na und wer bist Du denn?" wandte sie sich an
den Zweiten.
„Ich bin der Großadmiral des Zaren!" war die
Antwort.
„Freilich, versteht sich, so etwas konnte ich mir
schon denken!" versetzte sie ingrimmig. „Da werden
Dich die Marinesoldaten ja am besten kennen!. Und
der Goliath dahinten, das ist wohl der Zar selber,
nicht wahr?"
„Der bin ich auch, alte Hexe!" schrie der Große,
der sich vor Lachen kaum halten konnte.
„Nun wird mir aber die Sache doch zu bunt!"
rief die Frau zornig, indem sie den Riegel vor die
Thüre schob. „Filippo, Kit —! herbei! Und Ihr
kommt mir nicht über die Schwelle, ehe Ihr nicht
Eure Zeche bezahlt habt, damit Punktum!"
In der Thüröffnung war unterdessen Filippo mit
einem großen Knüppel und die finnische Schönheit im
tiefsten Negligs mit einem Besen erschienen.
Die Scene war so urkomisch, daß keiner der drei
Gäste vor Lachen ein Wort herausbringen konnte; end-
lich rief der, welcher sich für den Zaren ausgegeben,
die resolute Frau heran, zog einen Ring vom Finger
und bot ihr den zum Unterpfand.
„Ist das auch Gold?" fragte sie ungläubig, „lauf'
drüben zum Krämer Levi hinüber, FeliPPo, klopf' ihn
heraus und frag' ihn, was das Ding Werth ist!" Heim-
lich aber raunte sie ihm zu: „Eil' Dich, mein Söhnchen,
und hol die Wache, das scheinen gefährliche Gesellen!
Wer weiß, wo die das Kleinod her haben!"
Filippo verschwand und einige Minuten später er-
tönte im Hausflur lautes Geräusch und die Wirthin
beeilte sich, die Stubenthüre aufzuriegeln.
„Siehst Du, da sind wir, Mutter!" sagte lachend
ein dicker Gefreiter, der mit drei Mann Marinesoldaten
in das Zimmer trat, „immer pünktlich in Väterchens
Dienst, wie es sein muß. Na, wo sind die Schwere-
nöther?"
Die Alte warf einen bezeichnenden Blick auf die
drei Gäste, aber der Große war schon aufgesprungen
und donnerte die Soldaten mit seiner Löwenstimme an:
„Kennt Ihr mich nicht, Schufte?"
„Herr Gott, der Zar!" stotterte der Gefreite leichen-
bleich und warf sich, so lang er war, auf den Boden.
„Um aller Heiligen willen, ich habe nur meine Pflicht
gcthan, Väterchen, wie Du's beföhlen hast!"

Das Buch für Alle.
„Das hast Du, mein Sohn, steh' auf! Apraxin,
der Bursche ist von heute an Korporal!" versetzte der
Zar.
„Danke Väterchen, danke!" rief der Soldat jubelnd
und küßte seinem Kaiser die Hand.
Die Wirthin stand bei dieser Scene höchst verwundert
da; sie stieß endlich einen der Soldaten in die Seite
und flüsterte: „Wer ist es denn, wer ist es denn?"
„Dumme Gans!" erwiederte dieser, „'s ist ja
der Zar!"
Solch' ein Schrecken war noch niemals in ihre
Glieder gefahren, wie dies Wort ihr eiujagte; sie
stürzte sich dem Kaiser zu Füßen und bat ihn himmel-
hoch, ihr doch wenigstens das Leben zu schenken.
Peter der Große liebte es bekanntlich, wie einst der
Khalif Harun al Raschid, im tiefsten Inkognito sich
über die Verhältnisse und Bedürfnisse des Volkes zu
unterrichten und zu überwachen, wie seine Befehle und
Verordnungen ausgeführt wurden. So hatte er auch
heute mit seinen beiden Begleitern, dem Admiral Apraxin
und dem Großkanzler Golowkin, in möglichst unschein-
barer Kleidung einen solchen Streifzug unternommen.
Der Zar hatte noch gegen Abend verschiedene Hafen-
und Werftanlagen besichtigt, wobei er und seine Be-
gleiter gründlich durchnäßt worden waren, so daß sie
am Ende selbst die Einkehr in der dürftigen Schenke
nicht verschmäht hatten, um sich rasch wieder zu er-
wärmen.
Peter der Große hob die alte Frau lachend auf
und versicherte, daß sie nicht einmal die Knute zu er-
warten hätte; dann blickte er um sich und fein Auge
fiel auf Filippo, der stumm im Hintergründe stand.
„Tritt näher, mein Sohn!" sagte er gütig, indem
er wohlgefällig den schönen Jüngling betrachtete. „Hast
Du die Karten und Pläne an den Wänden gezeichnet?"
„Ja, Majestät!"
„lind Du hast eineu Schatz und willst heirathen,
mein Bursch?" fuhr der Kaiser fort, „gib ihr den
Abschied, dann will ich Dich drüben in die Bau-
gewerkschule aufnehmen und unentgeltlich ausbilden
lassen!"
Es war ein schwerer Kampf, den Filippo in seinem
Innern durchzukämpfen hatte, aber die Liebe blieb
Siegerin. „Ich danke Eurer Majestät," sagte er nach
einer Weile kopfschüttelnd, „aber lieber will ich auf
Tagelohn gehen und meine Maruscha haben, als ohne
sie im vollen Glücke leben!"
„Das ist brav von Dir," sagte Peter, „da muß
ich schon ein Uebriges thun, daß Ihr Euch Beide be-
kommt! Höre, Alexiewitsch," wandte er sich an den
Admiral, „kannst Du drüben im Bureau einen Zeichner
gebrauchen und wie viel kannst Du ihni Wohl geben?"
„Zweihundert Rubel jährlich ist der Bursche mit
feinem Talent wohl Werth!" antwortete Apraxin.
„Sag' dreihundert, Bruder, und er tritt morgen
ein!"
„Meinetwegen auch!" sagte dieser.
„So, mein Sohn, jetzt hast Du eine Stelle mit
dreihundert Rubel und kannst heirathen!" lachte, der
Zar, dem schlanken Jüngling auf die Schulter klopfend;
„aber verstehst Du wohl, alter Hausdrache," rief er
der Wirthin drohend zu, „die Maruscha wird Deines
Sohnes Frau, und wenn sie keine Kopeke hätte! Ver-
standen?" Er reichte Filippo die Hand zum Kuß,
dann kommandirte er: „Achtung!" Die Soldaten rich-
teten sich auf. „Kehrt! Marsch! Bringt Eure Arre-
stanten nach Hause, Ihr schlaft heute Nacht bei mir
in der Festung, Michailowitsch und Du, Apraxin!" —
FeliPPo Rastrelli heirathete in der That noch in
demselben Jahre seine schöne Nachbarin, doch war er
kaum ein Jahr in seiner Stellung bei der Admiralität,
als der Architekt Scmgoff auf sein außergewöhnliches
Talent im Planzeichnen und Entwerfen von Gebäuden
aufmerksam ward und den jungen Mann für sein
eigenes Bureau gewann. Bald begann Rastrelli eigene
Bauten aufzuführen und schon unter der Kaiserin Eli-
sabeth galt er für den ersten Baumeister in Peters-
burg. Während ihrer Regierungszeit entstand unter
seiner Leitung die Auferstehungskirche im Smolnakloster,
die schöne Himmelfahrtskirche auf dem Heumarkt und
der Prachtvolle Winterpalast, auch die beiden herrlichen
Sommersitze der kaiserlich russischen Familie zu Zars-
koje-Selo und Peterhof sind von Rastrelli erbaut, und
zahlreiche andere öffentliche Bauten verkünden den Ruhm
des genialen Architekten in Petersburg.
Älle Bauten Rastrelli's tragen den Stempel des
Großartigen und geben ein glänzendes Zeugniß von
der genialen Schaffenskraft ihres Erbauers. Die Wir-
kungszeit Rastrelli's gilt als eine besondere Epoche in
der Kunstgeschichte Rußlands, und seine Werke sind
durch keinen neueren Styl der russischen Baukunst in
Schatten gestellt worden. Der Zimniermannssohn und
entlaufene Schusterjunge erhielt zur Belohnung für-
feine großen Verdienste uni den Bau von St. Peters-
burg den Grafentitel, den seine Nachkommen noch heute
führen.

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Meister Z p a h.
Ein Charakterbild aus der Vogclwelt.
Von
L. -yaschert. Nachdruck verboten.)
Unter allen in Deutschland einheimischen Vögeln
ist Wohl keiner Populärer als Meister Spatz, unser
Haussperling. Wir geben es gern zu, daß er nicht
im Stande ist, uns etwa zu entzücken, wie an lauen
Frühsommer-Abendcn die im Gebüsch der Parkanlagen
flötende Nachtigall, oder die am heitern Sommermorgen
hoch in den Lüften lustig trillernde Lerche; selbst mit
dem Rothkehlcheu oder dem Buchfinken kann er sich weder
an Sangesfertigkeit noch Schönheit des Gefieders messen.
Allein wenn mit dem herannahenden Herbste die Tage
kürzer werden, der Wind „über die Stoppeln" saust,
und des Abends dichte Nebelwolken die Wiesen bedecken;
wenn alle die lieben Sänger, die uns erfreuten, ver-
stummt und Weit hinweg von uns nach dem Süden
gezogen sind: wie einsam, wie verlassen würden wir
uns fühlen, wenn auch der Spatz nicht bei uns bleiben
wollte. In der gefiederten Kapelle spielt er freilich eine
äußerst traurige Rolle, da er in derselben nicht einmal
als Chorist zu gebrauchen sein dürfte, und ihn als
Muster guter, frommer Sitten aufzustellen, ist bis heute
auch seinen besten Freunden nicht eingefallen. Neu-
gierig und zudringlich, frech und unverschämt ist ex-
auch, und daß er der sonst so lobenswertsten Gewohn-
heit seiner Klasse zum Hohn als echtes Proletarierkind
auch nicht besonders auf Sauberkeit hält, das können
wir in den Wintermonaten jeden Augenblick recht deut-
lich an seinem rußigen Kleide wahrnehmen. Wenn ex-
auch im Sommer dann und wann im Wasser oder im
Staube sich badet, so fällt es ihm doch den ganzen Winter
hindurch nicht ein einziges Mal ein, sich zu säubern,
und er scheint ganz des Glaubens zu leben, daß das
Wasser naß mache und der Schmutz warm halte.
Als echter Proletarier ist er ebenso arm an irgend
welchem Besitzthum, wie er reich ist an Kindersegen.
Er schlägt sich eben durch, wie es gerade geht, und lebt
sorglos in den lieben Tag hinein, heute in Saus und
Braus, morgen in Hunger und Kummer.
Trotzdem aber folgt er nicht dem Beispiel seiner
Brüder, welche, sobald nur die leiseste Laubfärbung sie
an die Ankunft des Winters erinnert und die Nahrung
knapp zu werden beginnt, ohne Sang und Klang uns und
die heimischen Gefilde verlassen. Nein, er harrt getreulich
aus im Lande, wo er geboren; er „bleibt im Lande",
wenn er sich auch nicht immer gerade „redlich nährt".
Seine Unverschämtheit und Gefräßigkeit haben dem
Sperling unter den Menschen zahllose Feinde zu-
gezogen, denn der Schaden, den er bisweilen anrichtet,
ist ganz bedeutend. Sein Appetit ist bei der fortwäh-
renden Unruhe und Beweglichkeit unverwüstlich. Die
ersten süßen Kirschen auf dein Baume sucht er mit
Kennerblick zu annektiren, und wenn er in dieser Be-
schäftigung nicht gestört wird, erblickt man in Kurzem
auf dem ganzen Baume weiter nichts, als die dünnen
Stiele mit den daran zurückgebliebenen Kernen. Be-
festigen die klugen Menschen einen Strohmann mit
hohem Cylinderhut und Peitsche oder irgend eine andere
Vogelscheuche auf dem Baume, um die kleinen lästigen
Diebe fern zu halten, so erkennen diese doch den Popanz
gar bald und halten in dessen unmittelbarer Nähe ihr
leckeres Mahl.
Zur Zeit der Weinbeerreife versucht der Spatz das-
selbe Verfahren, doch wird der Mensch dann leichter
mit ihm fertig; er spannt, wo es angeht, ein Netz über
den Weinstock und überläßt den Spatz seinem Aerger.
Freilich hat der Weinbergbesiher oft rechte Noth mit
ihm, und bei aller Aufmerksamkeit und eifriger Jagd
erleidet er trotzdem bisweilen große Verluste. Im
Frühjahr, wenn die Nahrung noch knapp ist, genießt
der Sperling auch zarte Blätter, besonders vom Salat,
Blüthen und saftige Knospen, »nd richtet dadurch ebenso
viel Schaden an, als durch das Herausreißen keimender
Erbsen und junger Gemüsepflanzen. Dadurch hat er
sich mit dem Gärtner verfeindet und deshalb Wohl
Ursache, seinen ganzen Witz zusammenzunehmen, den
Nachstellungen desselben zu entgehen.
Da die Hauptnahrung des Spatzen in Getreide-
körnern und Sämereien besteht und seine größte Auf-
merksamkeit auf Weizen, Hafer, Gerste und Rübsamen
gerichtet ist, so versteht es sich von selbst, daß der
Schaden, den er durch seine Gefräßigkeit der Land-
wirthschaft zufügt, nicht unbeträchtlich ist. Ein Land-
Wirth hat ausgerechnet, daß 500 dieser Spitzbuben
während der beiden vollen Sommermonate Juli und
August auf seinen Feldern, wenn sie ihren Hunger nur
auf diesen stillten, einen Verlust von 4 Centner 85 Pfund
an Körnerfrüchten herbeiführen würden, und Pfarrer
Oberdiek hat sogar behauptet, daß diese armen Wichte
in der Provinz Hannover jährlich an 50,000 Scheffel
Getreide vertilgten.
Das sind allerdings Rechnungen, auf welche wir
nicht schwören Wollen. Wenn wir einen Sperling in
 
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