Böttiger, Carl August; Sillig, Julius [Editor]
C. A. Böttiger's kleine Schriften archäologischen und antiquarischen Inhalts (Band 3) — Dresden , Leipzig, 1838

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und ursprüngliche Bedingung, ohne welche kein TVnftenlanz statt-
fand. Als Jahrhunderte lang- so getanzt und Alles durch Zusätze
und Ausschmückungen in kunstreiche, mimische, nach den ver-
schiedenen Stämmen mannichfallig gemodelte *) Ballets verhandelt
worden war, erhielt sich jene Pyrrhiche doch noch in ihrer ur-
sprünglichen Reinheit in <len Processionen der Cybele, welche, im
rechten Lichte betrachtet, nichts Anderes waren als eine sinnbild-
liche Darstellung, wie Zeus durch die ehernen Waffen ein Erobe-
rer und Entwilderer wurde **). Creta, das Wicgenland der grie-
chischen Cultur, die vom Krieg, ausgeht, lieferte auch später noch
die fertigsten Kriegsliinzer. Darum wird der Cretenser Merioues
noch vom Aeneas, der ihm in der Feldsehlacht gegenüber steht,
ein leichtgeweudeler Tänzer genannt ***). Tanz, Gesang und Mu-
sik schmolzen auch hier, wie überall, zusammen, und selbst die
strenggeregelle Chorbewegung im Trauerspiel der Griechen streifte
zuweilen, wenn wir <lcr Muthmafsuug eines neuereu scharfsinnigen

t, 6. und Pio-Clementinuin T. IV, t, 9. mit Visconti's Bemerk-
ungen.

*) Man mufs vorzüglich zwei Abarten der ältesten cretensischen Pyr-
rhiche annehmen, die Spartanische und Tyrrhenische oder etruri-
sche. Die erste nach der Flöte und nach uralten Kriegsliedern
in Anapästen, wovon uns Lucian noch einige Commandoworte er-
halten hat, de Saltat. c, 11. ([die berühmten Embaterien, s. Man-
so's Creta II. 165 ff.), die zweite nach der hierzu erfundenen
Tuba oder Drommete. Hierher gehören die Salier und die salta-
tio bellicrepa.

**) Die Kureten hinderten durch ihren Waffentanz, dafs Saturn den
neugeborenen Jupiter verschlang, heifst nichtB Anderes, als die
Herrschaft des cretensischen Zeus wurde durch den Gebrauch
der eherneu Waffen gegen die wilde Rohheit der Menschenfresser
und Menschenopferer (.Moloch, Saturn) erkämpft. Der Siegerzug
des Cretensers ging von Creta zuerst nach Kleinasien und knüpfte
sich dort an die Verehrung der uralten Naturgöttin Cybele. Ue-
berau blieb der cretensische Waffentanz als ältestes Symbol, und
die fabelnde Nachwelt verstand buchstäblich (s. Lucrez II, 629 Ii'.),
was den Verständigen nur Sinnbild sein sollte. Ganz so ging es
auch mit dem symbolischen Triumphzuge des indischen Bacchus,
von welchem dann später alle Tempel- und Friedenstänze aus-
gingen. Denn man kann ohne alle Uebertreibung sagen: der
Grieche hat sich alle seine Cultur ertanzt.

***) Ilias XVI, 615. Koppen dachte nicht an den Cretenser, Die Ve-
nediger Scholien S. 362. zeigen beide auf die Cretenser, die seit
den Kurelen Waffentänzer gewesen wären.

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