Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 18.1900

Page: 115
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Georg Lochners und der Adelheid Lochiierin
„uwere bürgere", daß das hintcrlassene
Vermögen der letztere» ihm so lange un-
verteilt und nnverrücki bleiben möchte, bis
Meister Stephan im stände sei, dorthin
zu ziehe», waS er zurzeit nicht vermöge.
Auch dieses Schreiben deutet eher aus
eine Krankheit dcS Meisters zu dieser Zeit,
als auf Mittellosigkeit, den» das Nötige
zur Neise Halle er in diesen, Falle als
Ratsherr doch gewiß anfbringen könne».
Rätselhaft bleibt freilich, wenn der Meister
noch 14-17 eine Schuld aufnehmeu muß,
gerade in einer Zeit wo man die Vol-
lendung des NalhauSbildes annehmcn muß.
Betrachten wir aber jetzt das Altarwerk
etwas naher, so finden wir nicht allein
im Stil sondern auch in der Farbenbc-
handlung, eine» bis dahin der Kölner
Schule fremden Zug, ich meine den lebenö-
srischcn Hauch froher derber Natürlichkeit.
Dies gilt ebenso von de» zarten, schalk-
haften Mädchemrscheinungen mit den vollen,
lachenden Gesichtern, den großen, blauen
Kindcrangen, Stumpfnäschen und rund-
lichen, Munde, wie von den etwas plumpen
knolligen Zügen der biederen Männerköpfe.
Zu diesen Charaklerköpscn ging der Maler
soweit in der Individualisierung, daß man
hier mehrfach Porträts, unter anderem auch
das des Malers zu erkennen glaubte.
Die lebhafte Farbenwirkung der Ge-
mälde beruht auf den kräftigen leuchten-
den Tönen, welche der Maler unvernüscht
gegen einander setzt. Neben dem dunkel-
blauen Hcimelintleide der Madonna steht
der lcnchtendrote Damastmantel und der
maigrüue Ueberwurf der verehrenden Ma-
gier. Ebenso glüht auf den Flügelbildcrn
tu den Gewändern ein intensives Not
neben Dunkelblau und Gelblichgrün. Die
Pracht des farbigen Schimmers wird noch
gehoben durch die strahlenden Rüstungen,
in denen sich das Tageslicht spiegelt, die
glitzernden Perlen, das Pelzwerk, Sammet,
Brockat nnc> Stickereien. Alle diese Vor-
züge und Eigentümlichkeiten liegen aber
auch ini Charakter der schwäbischen Schule
und man darf hier nicht immer nur an
die von Eycksche Schule denken.
Ganz richtig sagt Firmenich-Nichartz in
einem Aufsatz') über den Meister Stephan,

>) Zeitschr. f. christl. Kunst 1893 S. 203.

indem er die Hypothese der Herren Crowe-
Cawalcassele') zurückweist,welche eineUeber-
einsiimmnng der v. Eykschcn Madonna von
1439 mit derjenigen des Kölner Priester-
senünars erkennen wollen. „Hier ist e§
im Gegenteil die glückliche Mischung ober-
deutschen Naturells und kölnischer Empfin-
dungsart, was unS entzückt. Gerade in
diesem Bilde lesen wir, wie Stephan Lochner
als ganzer Künstler vom Oberrhei» nach
Köln kam. Ein Hingebeudes Studium der
dort heimischen Kunst vermochte ihn nicht
nnhr zu unfruchtbarer Nachahmung zu
verleiten."
Dieses prächtige Bild, jetzt im erzbischöf-
lichen Museum ausgestellt, ist die lieblichste
Blüte kölnischer Kunst, sagt mit Recht schon
Schnaase. Es wurde im Auftrag der Eli-
sabeth von Neichenstein umS Jahr 1440
gemalt und stammt aus dem Stift St. Ca-
cilia zu Köln, welchem Stift die genannte
als Aeblissin von 1452- 1485 Vorstand.
— Ein anderes Bild, die sog. „Madonna
in der Noscnlaube" des Wallraff-Nichartz-
Mnsenms, welches gewöhnlich dem Meister
noch zugeschrieben wird, gehört doch wohl
einer früheren Zeit an; auch das Darm-
städter Bild mit der Darstellung im Tempel
von 1447 ist weit schwächer als das Kölner
Dombilo, es kann unmöglich gleichzeitig
von demselben Meister ansgeführt sein. —
Vorstehendes mag genügen, um een Leser
auf den Meister Stephan wieder einmal
aufmerksam zu machen; ein genaueres Stu-
dium seiner Werke zeigt, daß er der schwäbi-
schen Kunst keineswegs entfremdet und seine
Ausbildung nicht in Köln, wie man bisher
annahin, sondern in der Heimat erhalte»
haben muß.
Mc KeichMitei Wrinr,arten O.S. 13.
im französischen Uelierfall re.
Nach dein Tagebuch des N. Joachim Kramer
zu Weingarten.
(Fortsetzung.)
Gestern war unser 1'. Athanasius in
Ravensburg mit unserem Kommandanten
beim Herrn Obrist; diesem gab er 14
Louisd'or. Schon am 11. August wollte
er ihm 12 Louisd'or geben, diese nahm er
nicht an, sondern befahl, daß man diese 12
mit noch 6 oem Obristleulnant bezahlen
^ ') Geschichte der niederländ. Malerei 1875
S. 11o.
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