Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 18.1900

Page: 158
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frohe Nachricht, das; er Kanonikus sei geworden.
Er sei bei seinen; Kostherrn zu Gast gewesen.
Ein anderer Gast habe die Religion gelästert,
Grundsätze entwickelt, dis er aus Voltaires
höllischen Schriften gesogen hätte. Adolf hätte
ihn vergeblich gebeten, zu schweigen, schließlich
eine Maulschelle gegeben, das; ihn; das Blut zur
Nase herausschoß. Es habe Adolf ihn; dabei
zugerufen: Bösewicht, wenn du vor Scham nicht
rot werden kannst, so werde es von deinem Blut.
Leberecht lobte dies. Adolf fährt fort: der Bos-
hafte habe ihn angreifen wollen. Doch habe ihn;
alles beigestandcn. Man habe den Spötter zun;
Hause hinausgejngt. Der Bruder seines Kost-
herrn, ein alter Kanonikus, der die Geschichte
erfahren, habe ihn gefragt, ob er geistlich werden
wolle, und da er dieses bejaht habe, zu Adolfs
Gunsten auf sein Kanonikat verzichtet.
Während Theodor noch immer über des Vaters
Unglück betrübt ist, kommt Lieblos, dringt
frech in des Oberamtmanns Zimmer. Doch sagt
Johann ihm die Meinung. Wohlmuth kommt
dazu, bedauert, das; wegen seines Weingütle der
Oberamtmann seine Stelle verliere. Lieblos
wird immer frecher, bis Adolf ihn; die Thüre
weist und er sich entfernt. Wohlmuth teilt jetzt
mit: ein Hansen Bürger wolle beim Grafen für
den Oberamtmann bitten. Doch dieser lehnt das
ab. Solange der Graf eine gewisse Bedingung
(Beugung des Rechts zu Gunsten des Lieblos)
beibeyalte, wolle er sein Amt nicht mehr an-
nehmen. Robert kommt. Er hat eine Bittschrift
an den Fürsten zu Gunsten seines Vaters auf-
gesetzt. Adolf ladet den Oberamtmann ein, zu
ihm zu ziehen. Ein edler Wettstreit, wer für
den Vater sorgen soll, entsteht unter den zwei
Brüdern.
Der Wachtmeister kommt mit dem Sekretär,
der mitteilt, daß der Graf sein Unrecht einsehe.
Leberecht bleibe Oberamtmann. Ja, der Graf
verspreche Theodor die Nachfolge im Amt. Lieb-
los erhält 5 Tage Arrest bei Wasser und Brot.
Der Bücherkrämer solle innerhalb 3 Stunden das
Städtchen räumen. Den Sekretär überläßt der
Graf der Willkür des Oberamtmanns. Leberecht
verzeiht diesem. Alle entfernen sich, außer Lebe-
recht, seinen 3 Söhnen und dem Wachtmeister.
Letzterer meldet: Der Graf lade sie alle auf
den Abend zur Tafel. Der Oberamtmann dankt
dem Wachtmeister für die erwiesene Freundschaft.
Der Wachtmeister teilt mit, daß Rupert, der
Sohn des Oberamtmanns, vor 3 Tagen Major
geworden sei, weil er im letzten Treffen tapfer
gefochten. Der Oberamtmann fragt, wo ist mein
Sohn. Der Wachtmeister antwortet: hier zu
ihren Füßen. Ich bin es.
Dieses gut bürgerliche Schauspiel ver-
dient schon wegen seiner gesunden Moral
allen Beifall. Es schildert trefflich die
Zustände zur Zeit der Patrimonialgerichts-
barkeit, welch' schwierigen Stand ein Pa-
trimonialbeamter, der das Recht nicht beuge»,
gegenüber einem Patrimonialherrn, der das
Recht beugen wollte, hatte. Nicht alle
Patrimonialbeamten waren Leberechts und

nicht immer erschien ein Wachtmeister als
6eu8 ex mnclrinL mit einem Schreiben
des Landesherrn an den Patrimonialherrn
zu Gunsten des Beamten! — Damit ist das
Repertoire des Wengentheaters erschöpft;
immerhin wäre es möglich, daß einige
Stücke uns entgangen wären. — Gar
mancher möchte wohl gerne ein Urteil über
diese Anfführnngen von einem Zeitgenossen
vernehmen. Leider besitzt man nur ein
solches ans dem Mnnde Nikolais, eines
Mannes, dem es als einem ausgesprochenen
Freigeist und Gegner der Kirche an der
nötigen Objektivität fehlt, um eine von
Geistlichen in einem Kloster mit Kloster-
schülern veranstaltete Aufführung sachlich
und gerecht beurteilen zu iönnen. Er
meint von den Komödien des Wengenstistö:
sie sind höchst absurd und spricht voll
„elende(n) mönchisches») Reimereien", und
erwähnt von oben herab „ein so Gott
will, recht lustiges Singspiel Jsmael, worin
Isaak und JSmael schwäbisch singen",
Personen dieses 1778 von Lederer in
Musik gesetzten Singspiels, das „dieVor-
und Nachmnsik ansmacht".
Dieses Urteil ist im höchsten Grade un-
gerecht und ist diktiert von der Feindschaft
Nikolais gegen die Kirche und gegen die
Mönche. Wer gerecht und billig urteilt,
kommt zu einem andern Urteil, namentlich
wenn er die noch erhaltenen Stücke genau
durchlieft. Schlözer in seinem „Staats-
archiv" rc., 1783, 10. Heft, S. 246-252
beschränkt sich auf die Wiedergabe von
Fragmenten ans einzelnen Stücken, so n. a.
aus Lederers Kantate: „Die verteidigten
und geheiligten Gelübde" ans Matthias
„Achilles" w. und enthält sich einer Kritik.
Man sieht ans diese» Wengenspielen,
die Chorherren des Klosters verstanden eö
in ihren Komödien, mutig einzustehen für
die Glaubenslehren. Unter Berücksichtigung,
daß die Verfasser dieser Komödien Dilet-
tanten waren, keine Dichter von Goites
Gnaden, sondern schlichte Ordensbrüder,
und unter dem Zugeständnis, daß einzelne
etwas derbe Ausdrücke in den Komödien
ans Rechnung des Zeitgeschmackes komme»,
war, was diese Komödiendichter leisteten,
eine ganz lobenswerte Leistung. An Mutter-
witz, einem natürlichen Humor, fehlte cs
ihnen, wie allen Schwaben nicht. Die
Dichtungen verraten aber auch eine ge-
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