Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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Walter püttner—München

GEMÄLDE »STILLEltEN«

KUNSTERZIEHUNG DURCH TECHNIK

In der Architektur und Handwerkskunst be-
tätigen sich seit einiger Zeit Männer von nicht
gewöhnlicher Denkungsart und Schaffenskraft.
Männer, die an die Erziehung des Menschen
durch die Technik glauben und sie heischen. Als
schön gilt ihnen das Material und seine wesensge-
mäße Verarbeitung; als schön auch die konstruk-
tive Logik. Technische Genauigkeit ist in ihren
Augen ein ästhetischer Wert, der archäologische
werte weitaus überwiegt. Das romantische „Ge-
nie rührt diese Männer nicht im mindesten ; sie
finden es altmodisch und der „Künstler" ist
ihnen lediglich ein interessantes Temperament

Interessant für den Psychologen, ansonsten aber
nutzlos, so nutzlos wie irgend ein Abenteurer.
Sie aber schätzen den Abenteurer nicht, auch
dann nicht, wenn er tragisch ist; denn sie sind
v°n der Überzeugung durchdrungen, daß die
Befreiung vom Stilzwang, die Abkehr von der
akademischen Willkür, von der spielerischen
Phantasie, dem Historismus, der zwangsläufig
Zur Maskerade, zum leer Dekorativen führen
muß. einzig und allein durch den Ingenieur er-

folgen kann. Sie sagen, der Techniker ist es,
durch den der Funktionalismus zur Geltung ge-
langt; er ist es, dessen Leistungen unser Da-
seinsgefühl ungemein steigert, unsere Lebens-
freude erfrischt, in die Zukunft hinein und zu
noch ungeahnten Höhen der Entwicklung empor-
führt, ohne Sentimentalität, ohne Phrase.

Der moderne Sinn hat die ästhetische Wir-
kung, die künstlerische Schönheit der rein kon-
struktiven Lösungen erkannt und ist nun, im
wachen Bewußtsein unsentimentaler Gestalter,
hauptsächlich baukünstlerischer, energisch da-
rum bemüht, den ästhetischen Qualitäten der
Technik auf allen Gebieten ihrer Funktion jene
Anerkennung zu erringen, die ihnen als formaler
Ausdruck der bereits gegenwärtigen Neuen

Schönheit zukommt...... arthur roessler.

*

Weil wir nicht entscheiden können, was von
dem Entstehenden das Morgen erlebt, tritt
an Stelle des Wissens der Glaube an das, was
unser Empfinden am nächsten berührt. Daher
der leidenschaftliche Kampf für das Neue. b. p.
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