Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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Von der Formbeherrschung

glaublich vielen und fast exakt genauen, jeden-
falls voll jede Form erfassenden, Studien nach
allen möglichen Werken der europäischen Stile,
die damals von J. M. Olbrich — natürlich nur
als ein kleiner Teil seines Riesenfleißes — sicht-
bar gemacht worden waren.

Wir lassen uns im „Zeitalter der Chauffeure"
zu viel durch Schlagworte, Rekorde und Zufalls-
leistungen imponieren — beinahe hätte ich
gesagt: gefallen —. Jeder, der ein wenig hinzu-
zuhören versteht, weiß längst, daß sich das
Blättchenschongewendethat. (Merkwürdiger—
(bis jetzt) „öffentlich" ■— vielleicht noch am
wenigsten bemerkbarerweise in Amerika!)
Auch die Scblagworte von der „Qualitätsarbeit",
vom „Intensivieren", von der „Verinnerlichung"
waren nicht gut. Aber sie hatten wenigstens
ein vernünftiges Ziel im Auge. Morgen werden
wir überfüttert werden mit Redensarten wie
„Gewissenhaftigkeit", „Lernen" —nocheinmal:
„Lernen", und Gutes wirdinsÄußerliche gedreht.
Allein, etwas Vernünftiges wird doch bleiben,
nämlich dies, daß Herrscher der Form nur sein
kann, wer etwas kann und daß dieses Können
■— unbeschadet aller Geheimnisse des schöpfe-
rischen Gestaltens — irgend ein Wissen, eine
Gewißheit bedeuten muß. Sich an Äußerlich-
keiten und unlogische Redensarten wie „Zeit-
alter der Technik" klammern, wird jedenfalls
ein sehr untaugliches Mittel sein, diese Sicher-
heit und Gewißheit zu erlangen. Ob Michel-
angelo etwas davon gewußt hat, daß er im Zeit-
alter der Hochrenaissance und der Gegenrefor-
mation gelebt hat, ist fraglos zu verneinen, seine
Gedanken kreisten um sein Werk und sein
Sinnen war kaum ein anderes, als es besser zu
machen als die vor ihm. Rembrandt hat sich auf
Schultern anderer gestellt und es ist eine un-
logische Behauptung, daß er auch ohne P. Last-
mann geworden wäre, was er ist. Gewiß ist
P. Lastmann zu eliminieren, aber die Vorstufe

schlechthin auf keinen Fall. Jedenfalls ist es
gelinde gesagt ein Unfug, die künstlerischen
Prozesse auf so vagen und ephemeren Voraus-
setzungen, wie es die Bedürfnisse der Zeit sind,
basieren zu wollen. Man verknüpft dabei so
heterogene Dinge wie ein aesthetisches Bekennt-
nis mit einem mathematischen Lehrsatz. Die
Prämissen des künstlerischen Schaffen — wohl-
verstanden sie sind nicht irgendwelche Antriebe,
Möglichkeiten odersogarBedingungen—können
nur und allein im „Künstlerischen" liegen und
gefunden werden. Es steht nicht zur Diskussion,
was Genien wie Michelangelo oder Rembrandt
aus diesen natürlich gegebenen Voraussetzungen
weiterentwickelt haben, es ist sich hier nur zu
richten gegen eine verheerend oberflächliche
Phraseologie. Sie entstammt einer durchaus
halbwissenschaftlichenAusbeutunggültigerFest-
stellungen. Und zwar so: für die historische
Betrachtungsweise ist es natürlich unerläßlich
festzustellen, welcher allgemeine und besondere
Zeitgeist die Variabilität der Formerscheinungen
bedingt, bezw. befördert hat. Das läßt sich
„hinterher" wohl feststellen, übersehen und auch
näher verfolgen. Mit dieser wissenschaftlich
berechtigten Praxis ist aber gar kein Recht ver-
bunden, eine billig sinnfällige Erscheinung der
noch ablaufenden Zeit als „den Zeitgeist" zu
erklären und auf dieser Hypothese geradezu
sinnlose Forderungen an das lebendige Schaffen
aufzubauen. Dieses Übel ist so stark und all-
gemein, daß man ihm unbedingt widersprechen
und auf die Quellen wirklich künstlerischen
Gestaltens verweisen muß.

Für zeitgemäße, rasche Leser, die den Anfang
und Schluß „überfliegen" diese Warnungstafel:
Noch übler wie Sichfestlegen auf ephemere Be-
dingungen und Voraussetzungen ist ein un-
geistiges, unschöpferisches Sichverschreiben an
irgend ein Geformtes, selbst wenn es das Ge-
wicht eines ganzen Stiles hat. Divide et impera!

VON DER ERZIEHUNG GEGEN DIE KUNST

VON DR. HERMANN HAAS—PRAG

Sie hat verschiedene Methoden, die Erziehung
gegen die Kunst; und vielleicht mit zu den
erfolgreichsten gehören jene, die in manchen
Kunstschulen angewendet werden, also solchen
Anstalten, die den angehenden Künstler auch
menschlich für die Probleme der Kunst heran-
bilden sollten. Was kann man da erst von
jenen Erziehungsanstalten verlangen, die nicht
einmal den Anschein erwecken wollen, als ob
sie mit der Kunst etwas zu tun hätten?.....

Es wäre ja gewiß schon bedauerlich genug,
wenn diese Anstalten sich der Kunst gegen-
über nur ganz neutral verhalten, es jedem frei-
stellen wollten, sich je nach Neigung und Fähig-
keit selbsttätig mit ihr zu beschäftigen; bedauer-
lich deshalb, weil jedes künstlerische Interesse
damit auf den nur wenigen zugänglichen Weg
des Privatstudiums verwiesen und die Kunst-
übung so ein Privilegium jener wird, denen
durch ihre materielle Lage hiezu die Möglich-
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