Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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ZUM 40 JÄHRIGEN JUBILÄUM

DER VERLAGSANSTALT ALEXANDER KOCH - DARMSTADT

Am 1. Januar des Jahres 1928 sind vierzig
Jahre verflossen, seit ich meinen Verlag
gegründet habe. Freunde meiner Bestrebungen
haben mir nahegelegt, bei dieser Gelegenheit
etwas über die Entstehung und Entwicklung
des Unternehmens zu sagen. Ich entspreche
dieser Anregung umso lieber, als es mir selbst
ein Bedürfnis ist, an einem solchen Tage der
Rückschau mit einer Äußerung von mehr per-
sönlicher Art vor die Leser dieser Zeitschrift
zu treten, und dies in vollem Gefühl des Dankes,
den ich den zahlreichen und langjährigen An-
hängern meiner Lebensarbeit schulde. Ich greife
bei dem, was ich hier sagen will, auf eine Selbst-
darstellung zurück, die ich, aufgefordert von
Prof. Dr. Gerhard Menz, in dem Bande: „Der
deutsche Buchhandel in Selbstdarstellungen"
niedergeschrieben habe.*)

Beim Überblicken meiner Lebensentwicklung
ergibt sich mir eine allgemeine Bemerkung, die
ich hier vorausschicken möchte:

Jeder Mensch des praktischen Lebens er-
fährt, daß beim Aufbau seines Lebenswerkes
außer dem bewußten Verstand und Willen et-
was Keimhaftes, Instinktives, etwas Treibendes
mitwirkt. Da ist irgendwo in den Tiefen unse-
res Wesens ein Begehren oder eine Anlage, eine
Begabung oder ein Trieb. Dieses Etwas, das
zunächst fast vernunftlos, aber unerhört leben-
dig ist, führt uns mit nachtwandlerischer Sicher-
heit auf Wegen oder Umwegen den Arbeits-
gebieten zu, auf denen unsere Kraft zu wirken
bestimmt ist. Wir folgen eigentlich immer nur
einer solchen geheimnisvoll treibenden Gewalt.
Alles was in unserer Auswirkung wachstümlich,
gleichsam organisch lebendig und zielvoll ist,
stammt aus ihr. Sie ist der Keim, sie ist der
Grundstein unserer Betätigung.

Auch in meiner Lebensarbeit gibt es eine
derartige grundlegende Kraft. Ich kann sie kurz
benennen als den Trieb: im gesamten Dasein
— besonders auch in der äußeren Umgebung
unseres Lebens — die schmückenden und er-
höhenden Kräfte der Kunst zur Geltung zu
bringen. Es ist wohl möglich, daß diese Anlage
unter gewissen Umständen auch zu eigener
künstlerischer Betätigung hätte führen können.
Aber vielleicht war es doch richtiger, daß ich

*) Vor 2 Jahren zum hundertjährigen Jubiläum des Buchhändler-
Börsenvereins im Verlage von Felix Meiner-Leipzig erschienen.

in die geschmackliche Sphäre überging, d. h.
dahin, wo es sich nicht um das einzelne Kunst-
werk, sondern um die Verbindung von Kunst
und Leben handelte. Ich glaube, daß ich zum
Anreger geboren war, weil der Sinn für Har-
monie, für das geformte Ding, für Reiz und
Schmuck des zu unserem Leben gehörenden
Apparats mit ursprünglicher Gewalt in mir
wirkte.

Natürlich gab es allerlei Umwege, bis dieser
eigentliche Beruf für mich selbst und andere
deutlich wurde. Ich bin in Köln als Sohn des
Gesangspädagogen Professor Ernst Koch (von
1874 —1894 am Stuttgarter Konservatorium)
und seiner Gattin Mathilde, geb. Haberland,
einer Juristentochter, am 9. November 1860
geboren. Ziemlich bescheiden, und scheinbar
sehr entlegen, setzten jene Umwege damit an,
daß ich — um möglichst bald auf eigenen Füßen
zu stehen — zunächst Kaufmann zu werden ge-
dachte, nachdem ich in meiner Vaterstadt Köln
das Gymnasium, dann in Stuttgart das Real-
gymnasium und die Handelsschule besucht hatte.
Schon in dieser Vorbildung kommt die realisti-
sche Richtung meines Wesens zum Ausdruck.
Man wird mir zustimmen, wenn ich sage, daß
keine Durchsetzung geistiger Werte im prak-
tischen Leben gelingen kann, ohne daß kauf-
männischer Blick die Wege zum Erfolg weist.
Glücklicherweise war der Betrieb, in dem ich
meine kaufmännischen Sporen zu verdienen
dachte, so geartet, daß er zugleich meiner ge-
schmacklichen Leidenschaft Nahrung gab. Es
war die Schriftgießerei Otto Weisert-
Stuttgart. Alsbald konnten sich da meine zeich-
nerischen Anlagen betätigen, es ergab sich Be-
ziehung zur Welt der Ornamentik, es ergab sich
reichste Übung des Sinnes für Verhältniswerte,
für typographische Schönheit, für eine Harmonie
im Vielerlei. Kurz, ich war — als Siebzehn-
jähriger — sogleich in meinem Fahrwasser, ich
hatte nach kaufmännischer Betätigung gesucht
und ahnungslos zugleich den ersten Zugang zu
meinem künstlerischen Lebensberuf gefunden.
Mit einem wahren Feuereifer studierte ich Or-
namentwerke, besah ich alles Schöne in Mu-
seen, Schlössern und Villen. Bezeichnender-
weise zog mich damals schon das Problem der
künstlerischen Schaufensterauslagen mächtig an,
und wenn ich später der Sache eines neuen Typs

*XX1. .lanuar 1928. 1
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