Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

Page: 273
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1927_1928/0285
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
richard seewald

»wandgemälde«

BEMERKUNGEN BEI HEINRICH v. KLEIST

Man hat in den letzten Monaten, anläßlich
des 150. Geburtstages Heinrich v. Kleists,
viel über diesen merkwürdigen Menschen ge-
schrieben, der unglücklich war wie keiner, aber
aus seiner tiefbegründeten Lebensunfähigkeit
eine überraschende Hellsichtigkeit schöpfte.

Sehr schön und tief sind z. B. seine Bemer-
kungen in dem „Brief eines Dichters an einen
andern." Er geht davon aus, daß jemand ihm,
dem Dichter, Komplimente gemacht hat über
sein zweckmäßiges Metrum, über Rhythmus,
Wohlklang, Reinheit und Richtigkeit des Aus-
drucks in seinen Versen, und er hält dem Lob-
redner entgegen: „Erlaube mir, dir zu sagen,
daß dein Gemüt hier auf Vorzügen verweilt, die
ihren größesten Wert dadurch bewiesen haben
würden, daß du sie gar nicht bemerkt hättest."
Sie sollten gar nicht ins Bewußtsein fallen. Die
Kunst geht geradezu darauf aus, sie verschwin-
den zu machen. . „Denn das ist die Eigenschaft
aller echten Form, daß der Geist augenblicklich
und unmittelbar daraus hervortritt, während
die mangelhafte ihn wie ein schlechter Spiegel
gebunden hält und uns an nichts erinnert, als

an sich selbst." Das Lob, das der Freund
spendet, wird dem tiefen Kunstverstand, der
hier spricht, also zum Gegenteil: es erregt den
Verdacht, ob nicht er, der Dichter, „ganz falsche
rhythmische und prosodische Reize" in seinem
Werk verwendet habe; sonst hätten sie dem
Leser nicht ins Bewußtsein fallen dürfen.

Mit starken Worten weiß er auch in dem
„Brief eines jungen Dichters an einen Maler"
das wesentliche Argument gegen das (zu seiner
Zeit übliche) Kopieren alter Meister heraus-
zustellen. „Die Aufgabe, Himmel und Erde!
ist ja nicht, ein anderer, sondern ihr selbst
zu sein und euch selbst, euer Eigenstes und
Innerstes, durch Umriß und Farben zur An-
schauung zu bringen! Wie mögt ihr euch nur
in dem Maße verachten, daß ihr willigen könnt,
ganz und gar auf Erden nicht vorhanden ge-
wesen zu sein; da eben das Dasein so herrlicher
Geister, als die sind, die ihr bewundert, weit
entfernt, euch zu vernichten, vielmehr allererst
die rechte Lust in euch erwecken und euch mit
der Kraft, heiter und tapfer, ausrüsten soll, auf
eure Weise gleichfalls zu sein?"...... r.
loading ...