Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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HENRY
OTTMANNt
»MUTTER
UND KIND«

HENRY OTTMANN +

Vierzehnjährig malte er, noch in seiner Hei-
matstadt Colmar, mit Selbstzucht ganz
Leibl'sch seinen Großvater. Und bis an das
Ende seines Lebens, das durch einen Seiten-
sprung seines Autos in diesem Frühling an einem
Baume des Boulogner Gehölzes jäh zerschellte,
wies er voller Stolz auf diese so durch und durch
ehrliche, liebevolle Jugendarbeit, die voller
Wärme und Bescheidenheit ist. Und es war, als
hätte er auch bis an sein Lebensende ein Heim-
weh nach dieser Leibl'schen Art zurückbehalten.

Aber, er kam nach Paris, öffnete die Augen,
das Herz und die Sinne und wurde ein wohl-
pariserischer Maler. Nichts wies mehr je auf
Leibi hin, und die Inbrunst, die für uns alle mit
dem Namen Colmar verbunden ist, blieb ihm
zeitlebens fremd. Und wozu die Fremden immer
neigen, orthodoxer als die Orthodoxen der
neuen Heimat zu werden, ward auch das Schick-
sal Ottmanns. Ja, das Schicksal, denn es wurde
die Fatalität seines Wirkens.............

Ottmann war nach Paris gekommen, und bald
war er von dem Allerfranzösischsten behext,
von Renoir. Und er übersetzte Renoir ins Mo-
derne, ins Flächige. Renoirs Farben suchte er,
gleichsam durch einen Blasebalg ins Flammende,
ins Glühende zu steigern. Niemand hat so wie
Ottmann ein saftiges, strotzendes, man könnte
sagen, purpurnes Grün gekannt und gekonnt.
Und sein Violett dazu war ebenso brennend.
Und die Liebe am Fleisch, am Atem der Sinn-
lichkeit, die flimmernde Atmosphäre um dies
alles herum, das war ebenso. Und alles wirk-
lich und wahrhaft malerisch aufgelöst. Und seine
Weise wurdeimmerüppiger, breiter, flammender.

Oh, er war auch ein „Angelangter." Sein
Bild (Seite 283), wenn auch dies aus seiner Über-
gangszeit, noch hart und pedantisch und sogar
nicht charakteristisch, hängt im Luxembourg.
Er wurde gut und gern gekauft. Er konnte nicht
klagen. Auf den Ausstellungen der Tuilerien
und im Herbstsalon war er stets gesehen und

XXXI. Januar 1928. i
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