Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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BERUHIGENDER NEO-KLASSIZISMUS

Seitdem der Selbstzweck in der Kunst jene,
die sie zu schaffen berufen sind, nicht mehr
bedrückt, kann im Zusammenhange mit gewissen
Bildern sogar von psychologisch - gesundheit-
lichen Wirkungen die Rede sein. Dies ist freilich
nicht im Sinne irgend eines Heilverfahrens auf-
zufassen. Es will damit nicht gesagt sein, daß
etwa das Bild gleich den Ausstrahlungen einer
diathermalen Wärm e quelleKrank e heilen könnte.
Die Kunst ist vielmehr im Gesundungswillen
einer zerfahrenen und krisenschweren Zeit dahin
gelangt, um die Zeitstimmung auszudrücken.
Der Künstler ist kein Arzt. Er ist jedoch Mit-
beteiligter einer Schicksalsgemeinschaft und der
unter der Oberfläche des Lebens verborgenen
Wünsche. Er ist der empfindlichste Erfasser
derselben. So läßt sich die neoklassizistische
Malerei als Entwicklungsnotwendigkeit begrün-
den. Ein Ruhestand nach der Brandung, ein
Wiederaufbau nach dem Zerfall der Formen.
Ein Sehnen nach Formen und Raumwirkung,
ein Rückschlag gegen die Abstraktion.

So könnte der ungarische Maler CsabaiEkes
begründen, warum er inmitten mannigfacher Irr-
fahrten der jungen Künstler Ungarns seine Ge-
stalten auf reine elysische Gefilde führt. Er
sucht ein ausgeglichenes Lebensgefühl und eine
andachtsvolle Ergebung in den Formen. Er
versucht zu bauen, und seine uneingestandene

Tendenz ist, mit der tiefsten ästhetischen Wir-
kung des Baues, mit der Suggestion der Stabilität
Zuversicht zu erwecken.

Der französische Schriftsteller Maurice Ray-
nal schreibt in einem vor kurzem erschienenen
Buche (Antologie de la Peinture en France), daß
man sich fürchten müsse vor Malern, die sich
nie getäuscht haben". Und „sich täuschen kön-
nen, ist eine Gabe, die nicht jedem zuteil ge-
worden ist". Es ist dies ein tiefes, tragisches
Geständnis einer kranken Zeit.

Die besten aus den Reihen der jungen Ta-
lente Europas rücken Märtyrern gleich näher
zu einander. Der ungarische Maler aus dieser
Reihe hat sich, wie es scheint, gut getäuscht.
Mit lateinischer Klarheit treten bei ihm die For-
men der neuen Sachlichkeit zu Tage, würdevoll
erscheint bei ihm der Rhythmus des mensch-
lichen Körpers. Die Plastik seiner Körper steigt
oft zu einer Höhe, in der sich ein Marees be-
wegt hat. CsabaiEkes erblickt in der Form
der feierlichen Dekoration die soziale Sendung
der Kunst. In den Rahmen des Raums versetzt
er aber immanente künstlerische Kräfte und
keine pittoresken nichtssagenden Vorstellungen.
Das ruhevolle unbewegte Leben seiner Figuren
veredelt sich zu einer Pantomime der plasti-
schen Kraft und der daraus entspringenden
Lichtreflexe........... paul nädai.
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