Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

Page: 50
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1927_1928/0060
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
IE FÄHIGKEIT, DAS SCHÖNE IN DER
KUNST ZU EMPFINDEN, IST EIN BE-
GRIFF, WELCHER ZUGLEICH DIE
PERSON UND DIE SACHE, DAS ENT-
HALTENDE UND DAS ENTHALTENE
in sich faßt, welches ich aber in eins schließe, so daß ich hier
vornehmlich auf das erstere mein Absehen richte und vor-
läufig bemerke, daß das Schöne von weiterem Umfange
als die Schönheit ist. Diese geht eigentlich die Bildung an
und ist die höchste Absicht der Kunst, jenes erstreckt sich
auf alles, was gedacht, entworfen und ausgearbeitet wird.
Es ist mit dieser Fähigkeit wie mit dem gemeinen gesun-
den Verstände. Ein jeder glaubt ihn zu besitzen, obwohl
er seltener als der Witz ist. Weil man Augen hat, wie ein
anderer, so will man so gut als ein anderer sehen können.
So wie sich selbst nicht leicht ein Mädchen für garstig hält,
verlangt ein jeder, das Schöne zu kennen. Es ist nichts emp-
findlicher, als jemandem den guten Geschmack, welcher
in einem anderen Worte eben diese Fähigkeit bedeutet,
absprechen wollen, man bekennt sich selbst eher mangel-
haft in allen Arten von Kenntnissen, als daß man den Vor-
wurfhöre, zur Kenntnis des Schönen unfähig zu sein. Die
Unerfahrenheit in dieser Kenntnis gesteht man zur Not
zu, aber die Fähigkeit zu derselben will man behaupten.
Sie ist, wie der poetische Geist, eine Gabe des Himmels,
bildet sich aber so wenig, wie dieser, von sich selbst, und
würde ohne Lehre und Unterricht leer und tot bleiben.

ENTWURF: PROF. E. R WEISS. »ANTIQUA-SCHRIFT«

AUS DER BAUERSCHEN GIESSEREI—FRANKFURT A. M.
loading ...