Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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ERLEBNIS-VERDICHTUNG

Wir Heutigen leben sehr eilig. Zweifellos.
Eines steht dabei fest: wir haben das
Tempo zumindest selbst angeschlagen, und —
wir haben heute sehr wenig „Zeit", — wobei
zu ergänzen ist: Zeit „für uns selbst", „Zeit" als
Gelegenheit für jene Erlebnisse, die sich nur auf
einer vom Bereich unseres täglichen Arbeits-
lebens abgerückten Ebene vollziehen können.
— Sie sind uns, als Erfüllungen tiefinnerer
Bedürfnisse, nicht weniger bedeutend als alle
Werte, die uns im tätigen Wandel erwachsen.
Da sie aber nur neben diesen — als ergän-
zende Lebensnotwendigkeiten — gefordert
werden, erfahren die Ansprüche, die wir an sie
stellen, von der Situation unseres äußeren Le-
bens eine nähere Bestimmung: wir verlangen

von jenen Objekten die ihrer Funktion nach der
Anlaß solcher Erlebnisse sein sollen, eine be-
stimmte Form, in der sie erst zur Wirkung
kommen können. Die Form, die vom modernen
Großstädter gefordert wird, weil sie allein seinem
„Tempo" adäquat sein kann, ist: Konzen-
tration. Er verlangt sie vom Kunstwerk, weil
auch er selbst — als arbeitender Mensch — in
ihrem Zeichen steht: die gesteigerte Anspannung
seines Berufslebens ergibt den Anspruch an das
Kunstwerk, das ihn dieser Anspannung entheben
soll: seine^Form 'soll so beschaffen sein, daß
sein Gehalt unmittelbar und in vollster Inten-
sität „erlebbar" ist. Der moderne Mensch hat
nicht die „Zeit" und nicht die ruhige Kraft, sich
auf langem Wege um ein Kunstwerk zu bemühen.

XXXI. Fetornar 1928. 8
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