Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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Eine Stadtwohnung von Professor Jose/ Hoffmann - Wien

tagen die Illusion von reflektiertem Sonnen-
schein weckt. Ihre Wirkung ist belustigend ge-
steigert durch die darüber gestreuten Malereien
von Mathilde Flögl. In tonigen Farbschatten
Schemen von Dingen, wie sie die Einbildungs-
kraft der Kinder erfüllen. Ein wandlanger, nie-
derer Schrank birgt hinter drei Doppeltüren
die aufklappbaren Betten der Kinder, daneben
kleine Stühle, das Tischchen, ein abgeschrägter
Glasschrank mit Spielzeug und mit den eigenen
Phantasieschöpfungen der Kinder selbst. Auch
der Schleiflack der Möbel trägt den hellen,
wärmenden Rosaton. Von ihm hebt sich der
hellblaue, luftige Schimmer eines Blickes in die
eingebaute Kabine ab für den ältesten Knai
Die eigene Bettnische, die eigenen Schränke
und ein Schreibtisch, dem er erst allmählich ganz
gewachsen sein wird. Hier sind die Wände
überstreut mit den Schemen der zeiteigenen
Verkehrsmittel, aus deren anstaunender Be-
wunderung der Jugend von heute die ersten
Sensationen zufließen.

Vom Kinderzimmer führt eine Verbindungs-
türe in den Schlafraum der Eltern, der gleich-
falls heiter und licht wirkt. Nur gebundener in
architektonischem Sinne, schon durch die plan-
volle Wand- und Deckenmalerei von Frau
Strauß-Likarz. Sie deutet Flächengliederungen
an, die formend und wieder auflösend den Raum
harmonisieren und jedes Gefühl von Beengung
oder starrer Begrenzung fortzaubern. In reiz-
vollster Steigerung sammelt sich dieses Motiven-
spiel auf dem wandbreiten von Frl. G. Hackl
bemalten Seidenvorhang des Fensters. Die Zim-
merdecke ist abgeschrägt gegen die Wände und
gegen das von einer Nische umschlossene Fen-
ster mit den oben unsichtbar angebrachten Be-

leuchtungskörpern, welche dem Raum auch bei
künstlichem Licht die Führung des Taglichtes
ersetzen. Eine Wand beherrscht der große, in
warmbrauner Politur schimmernde Bettschrank
aus deutschem Nußholz. Er gibt zu beiden Seiten
des breiten aufklappbaren Bettes noch Raum
für die inseitigen Nischen, welche der Bequem-
lichkeit leicht erreichbare Ablagen, das Radio
mit einem Lautsprecherkästchen und gegenseits
das auch von außen erreichbare Telephon bie-
ten. Die Wand gegenüber trägt den niedrig
über ein Tischchen gehängten kreisrunden
Spiegel. Sein klares Wasser zeigt das Bild des
sich Spiegelnden im runden Raumausschnitt,
der die Figur dominieren läßt und doch auch
ihre Wirkung im Räume kennzeichnet.

An der Wand gegenüber dem Fenster schließt
sich eine Sitzecke mit einem keramischen Kamin
von Hertha Bucher. Die Stoffbezüge in hell-
rotem Ombre. Ein breitgeschirmter Stand-
lampentisch ist darangerückt und umfaßt die
Ecke mit seinem Lichtschein. Alle diese hellen
freudigen Farben, der Schimmer der Möbel,
der Glanz der Metalle versinken lautlos im
schwarzen den Boden voll deckenden Teppich,
um aus dessen buntgewebten Motiven, die ihn
überstreuen, dem Auge wieder zurückgegeben
zu werden. So ist dieser Schlafraum durch die
reiche Ausgestaltung über seinen unmittelbaren
Zweck hinausgehoben zum intimen Wohnraum.

Dem Problem der farbigen Wohnräume ist
eine neue Lösung zugewachsen. Ihre bis zum
letzten durchdachte Verwirklichung verbirgt alle
Mühen darum hinter dem heiteren Schein licht-
streuender Farben und lebhafter Formen, die
ihrer Bestimmung auf das hingehendste dienen,
ohne die Nüchternheit bloßer Zweckform. st.

ZUR ÄSTHETIK UNSERER ZEIT

von dr. sascha schwabacher

Die Maschine (es ist schon fast ein Gemein-
platz, dieses oft gesagte Wort nochmals
auszusprechen) gibt unserem Leben Pulsschlag
und Rhythmus. Ihr Prinzip der knappen und
glatten Funktion ist in alle Prozesse des Da-
seins eingedrungen, ihr strenger Stahlglanz
spiegelt sich in tausend Facetten unserer Tage,
in der Raschheit und Exaktheit, mit der die
Vielfältigkeiten und Kompliziertheiten des Stadt-
und Weltgetriebes gepackt und geregelt werden.

Die Verkehrsmittel: Auto und Flugzeug,
Schiff und selbst die letzten Typen der Eisen-
bahnen haben gleichsam aus ihrer technischen
Funktion ihre Gestalt gezeugt. Ihr Anspruch auf
Leistungsfähigkeit, auf Komfort und Sicherheit
zwingt sie zur Auswahl des besten Materials,

der rationellsten Form. Die Schönheit dieser
zukunftsträchtigsten Erfindungen fließt aus ihrer
Zweckmäßigkeit. Bahnhöfe, Garagen, Hoch-
häuser, die unter diesem Zeichen entstanden
sind, prägen schon heute oft der Stadt und der
Landschaft ihren gewaltigen Ausdruck auf, bilden
eine Macht, die ihre Berechtigung auch in ihrer
äußeren Erscheinung dokumentiert.

Aus dem heutigen Lebensrhythmus, dessen
Charakteristik sein zugleich rapides und haar-
scharfes Tempo ist, erwächst bereits ein eigenes,
ästhetisches Gesetz, ein unbewußter Maßstab,
ein neues Ideal, wenn man das emphatische Wort
gebrauchen will. Dieser Wille hat sein Schlag-
wort gefunden: Neue Sachlichkeit. Auch in
dem organisch gebundenen Spiel des Sports
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