Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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DAS NEUE DÜSSELDORF

VON HERBERT EULENBERG

Amerikanischste von unseren Städten!" hab'
L ich vor Jahr und Tag einmal Düsseldorf
als meine Wahlheimatstadt angedichtet. Und
trotzdem Hanns Heinz Ewers, der allbekannt-
lich ein geborener Düsseldorfer ist, gegen diese
Bezeichnung scherzhafter Weise Einspruch er-
hob, finde ich, daß sie noch immer zu Recht
besteht, falls nicht inzwischen Berlin und einige
rheinisch-westfälische Betriebsstätte wie Essen
und Bochum den Superlativ des Amerikanismus
in Deutschland noch über Düsseldorf erreicht
haben. Als ich vor einem Vierteljahrhundert
nach Düsseldorf zog, wirkte hier Peter Behrens,
„Peter der Große", wie man ihn später, als
man ihn glücklich weggegrault hatte, seiner Be-
deutung wie seiner körperlichen Länge wegen
nannte, als Leiter der Kunstgewerbeschule.
Und begann Olbrich, den man schon als seinen
Thronfolger bezeichnete, die Ausschachtungs-
arbeiten zu seinem Gebäude für Leonhard Tietz,
einem der geglücktesten, zweckmäßigsten und
vornehmsten Warenhäuser, die wir in Deutsch-
land haben. Damals standen noch die alten
Kasernenbauten Düsseldorfs am Südende der
Königsallee, die dann mehr und mehr zur Ver-
kehrsader und zur vornehmen Bummelstraße der
Stadt wurde. Behrens hatte gehofft, daß man
nach Niederlegung der Kasernen ihn mit dem
weiteren Ausbau der Stadt an dieser wichtigen
Stelle betrauen würde. Als dies nicht geschah,
als man ohne einheitlichen Plan den schönen
Platz mit dem Stahlhof und anderen klotzigen
Steinkästen ausfüllen ließ, empfahl er sich von
Düsseldorf und folgte den Lockungen Walther
Rathenaus nach Berlin. Nun war Joseph Olbrich
der nächste Anwärter auf den Posten des Leiters
der Kunstgewerbeschule. Und er wäre es viel-
leicht geworden, da sein fast noch von ihm
vollendeter Tietzbau selbst den nörglerischsten
Stadtvätern und Spitzenmännern Düsseldorfs
Achtung einflößte, wenn ihn da nicht ein jäher
Tod von seinem Werk geholt hätte.

Der glückliche Erbe dieser beiden mehr oder
minder in Düsseldorf verhinderten Baumeister
Behrens und Olbrich wurde nun Wilhelm Kreis.
Rheinländer von Geburt fand er sich leichter
in die Gemütsart der hiesigen Leute hinein.
Infolgedessen konnte er das Hochhaus, das so-
genannte Wilhelm Marx-Haus, auftürmen in
einer Zeit, da das edle Baugewerbe in Deutsch-
land zum größten Teil ruhte. Es ist eine recht
ansehnliche Leistung geworden, dieses Hoch-
haus, trotz der verunglückten Spitze, des schiefen

„Tirolerhütchens", das Kreis zum Schluß aus
irgend welchen äußeren Notwendigkeiten dem
Viereck aufsetzen mußte. Noch größere Aufgaben
winkten dann diesem Baukünstler bei der Er-
öffnung der ärztlichen Ausstellung mit dem nicht
sehr schönen Namen „ Gesolei", die an den Ufern
des Rheins unterhalb derBrücke angelegt wurde.
Hier konnte Kreis, was seinen beiden Vor-
gängern in Düsseldorf nie vergönnt gewesen
ist, einmal recht aus dem Vollen schaffen. Die
Gebäude, die er an dem Strom errichtete, sollten
nach Ablauf der Ausstellung zu Museen ver-
wandt werden. Und Kreis hat hier wirklich
ein paar edle, groß gedachte Fronten und einen
würdigen Lichthof inmitten dieser seiner in
Klinkersteinen aufgeführten Bauten hingestellt.
Auch das Rheinterrassengasthaus und das Plane-
tarium, das nach der Brücke gelegen das Ge-
lände abschließt, ein dunkelroter Ziegelbau,
passen sich trefflich dem Ganzen an.

Doch nun ergriff unsern liebenswürdigen, un-
sern mit Recht gefeierten W. Kreis der Cäsaren-
wahn, wie seine Gegner witzelten. Er verlangte
nach Vollendung dieser ausgedehnten Gebäude
am Rhein, die das klangvolle bauliche Vor-
spiel zu Düsseldorfs reichster Landhausstraße,
zur Cäcilienallee bilden, daß man ihm allsogleich
die Schöpfung des neuen Rathauses übertragen
solle, auf das die Stadt schon lange wartet. Ist
doch das jetzige Rathausgebäude nur ein trau-
riges Mischmasch, eine Zusammenklitterung
eines alten rheinischen Backsteinbaus mit einem
plump nachgemachten Renaissancekasten der
achtziger Jahre. Als dieser neue Auftrag für
Kreis nicht gleich „perfekt" wurde, entzog sich
dieser der weiteren Kritik an seinen Bauten,
die nun immer stärker am Rhein einsetzte,
durch seine Secession nach Dresden. Was man
vor allem gegen seine bisherigen Baulichkeiten
in Düsseldorf anführte, war dies, daß sie ihren
für später vorgesehenen Zweck nicht erfüllten.
Das Planetarium, das neben der längst nicht
mehr ausreichenden Tonhalle zu Vorträgen und
vor allem zu Konzerten benutzt werden sollte,
habe, so heißt es, eine so schlechte Klangwir-
kung, daß der zur Zeit musikgewaltige Takt-
schwinger der Stadt erklärt hat, er würde hier
nicht einmal eine Militärkapelle vorführen. Die
Klinkerbauten am Rhein mit ihrer eindrucks-
vollen assyrischen Front sollen, so heißt es
weiter, nur Fassadenschönheiten sein und fast
ohne Oberlicht, das nach Lichtwarck Voraus-
bedingung für jeden neuzeitlichen Museumsbau
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